Sanierung und Kosten noch offen

Kleingärtner fordern Sofortmaßnahmen wegen der Bodenbelastung

Setzt sich für Sofortmaßnahmen wegen der Bodenbelastung ein: Michael Zaun, der Vorsitzende des Kleingärtnervereins. Auf einer alten Aufnahme, die er im Saal des Gasthauses der Kleingartenanlage zeigt, ist die einstige Müllkippe auf dem Gelände zu sehen, im Hintergrund AEG-Häuser. Foto: Hermann

Kassel. Das Regierungspräsidium Kassel (RP) hat die Kleingartenanlage Fackelteich im Stadtteil Unterneustadt als Altlast eingestuft.

Bodenuntersuchungen im Dezember 2015 ergaben bis zu vierfach erhöhte Werte für die Bleibelastung und bis zu achtfach überschrittene Werte für die Belastung mit polycyclischen aromatisierten Kohlenwasserstoffen (PAK). Nachfolgend Informationen rund um die Bodenbelastung und die möglichen Gesundheitsrisiken:

Warum wurde die Belastung erst jetzt festgestellt? 

Das Gelände der Kleingartenanlage wurde einst als Müllkippe genutzt und im Zweiten Weltkrieg von zahlreichen Bomben getroffen (siehe Hintergrund). Die damit verbundene Belastung des Bodens war bekannt und ist bereits mehrfach untersucht worden. Die neuen Untersuchungsergebnisse, die eine Einstufung als Altlast nötig machten, gehen nach RP-Angaben darauf zurück, dass ein dichteres Proberaster angewendet wurde als in den 80er-und 90er-Jahren und sich die Grenzwerte verschärft haben.

Muss das Kleingartengelände saniert werden? 

Sanierungsmaßnahmen sind zur weiteren Nutzung der Kleingartenanlage unerlässlich, meint Reinhard Sudhoff, der Leiter des RP-Dezernats Altlasten. Der Kontakt zwischen Mensch und Boden müsse unterbrochen werden. Dazu schlägt er zum Beispiel den Anbau in Hochbeeten und die Aufbringung von unbelastetem Boden vor.

Wie reagieren die Kleingärtner auf die Nachricht? 

Die Pächter der Kleingartenanlage wurden vom RP am Samstag in einer Mitgliederversammlung über die Bodenbelastung und die Altlast-Einstufung informiert. „Jetzt muss etwas geschehen“, sagt Michael Zaun, der Vorsitzende des Kleingärtnervereins Fackelteich. Das RP habe den Sanierungsbedarf festgestellt, daher müssten Sofortmaßnahmen ergriffen, ein Sanierungskonzept erarbeitet und Hilfen angeboten werden. Zügig müssten Freiflächen der Gärten und der Spielplatz abgedeckt werden, forderte Zaun. In der Versammlung hätten die meisten Mitglieder erklärt, sie könnten sich wegen der Bodenbelastung künftig ein anderes Gärtnern – etwa mit Hochbeeten – vorstellen.

Was wird die Sanierung des Bodens kosten? 

Nach Angaben des RP werden die Kosten der Sanierung des gesamten, rund 178 000 Quadratmeter großen Kleingartengeländes in die Millionen gehen. Altlasten-Experte Sudhoff spricht sich deshalb zunächst für eine Machbarkeitsstudie aus. Dabei muss seiner Ansicht nach erst einmal zwischen den Flächen unterschieden werden, die möglichst bald saniert werden müssen (etwa der Spielplatz), und jenen Flächen, bei denen die Sanierung noch nicht gleich erfolgen muss.

Wer muss die Kosten der Sanierung tragen?

Diese Frage muss erst noch geklärt werden. Eigentümer des Geländes ist das Land Hessen. Als Verursacher der Schadstoffbelastung gilt die Stadt Kassel, die auf der Fläche eine Müll- und Schutthalde betrieb. Das RP geht davon aus, dass die Klärung der Kostenfrage einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Auch deshalb hat die Obere Umweltbehörde den betroffenen Kleingärtnern Verhaltensregeln zukommen lassen, um den Kontakt mit dem Boden und damit die Gesundheitsrisiken zu vermeiden (Bericht unten).

Welche Gesundheitsgefahren bestehen für Nutzer? 

Nach Einschätzung des RP und des Gesundheitsamtes müssen die Pächter mit keinem höheren Gesundheitsrisiko rechnen, wenn sie sich an die Verhaltensregeln halten und Kontakt mit dem Boden vermeiden. Eine konkrete Gefährdung gebe es nicht. „Der Anbau und das Wachstum in der Kleingartenanlage Fackelteich ist nicht anders als bei anderen Anlagen“, betonten auch Wolfgang Böcker und Karl-Heinz Emmeluth vom Stadt- und Kreisverband Kassel der Kleingärtner.

Das sagt der Ortsvorsteher

Verärgert hat Joachim Schleißing (Grüne), Ortsvorsteher der Unterneustadt, auf die Vorfälle in der Kleingartenanlage reagiert. „Vollkommen unverständlich sind die Versäumnisse der Stadt Kassel und des Landes Hessen auf dem Kleingartengelände Fackelteich“, sagt Schleißing. Dass der Abraum des städtischen Gaswerks gefährliche Rückstände hinterlässt, sei allgemein bekannt gewesen. „Man prüfe und überwache den Schadstoffeintrag, hieß über Jahrzehnte die Auskunft der öffentlichen Hand.

Nun wird eine große Kleingartenanlage in der Unterneustadt zur Altlast erklärt“, kritisiert der Ortsvorsteher.

Schleißing fragt: Was bedeutet das für die Pächter des Kleingartenvereins? Welche Zukunft hat der Verein überhaupt? Welche Sanierungsmaßnahmen für den Boden sind möglich? Wie kann die Umsetzung aussehen? Wer trägt die Kosten – die Stadt als Verursacher oder das Land Hessen als Eigentümer? Welche Auswirkungen sind für die benachbarten Kleingartenanlagen Waldauer Wiesen und Schwanenwiese zu erwarten? Welche gesundheitlichen Auswirkungen müssen die Nutzer fürchten?

Antworten auf diese und auf weitere Fragen erwartet der Ortsbeirat Unterneustadt nach Angaben des Ortsvorstehers in seiner Sitzung am 7. Juli. Die Ortsbeiratssitzung soll im Saal der Gaststätte Fackelteich in der betroffenen Kleingartenanlage stattfinden.

Das Gemüse soll in Hochbeete

Das Regierungspräsidium Kassel (RP) hat an die knapp 400 Pächter der Kleingartenanlage ein Informationsblatt mit Verhaltensregeln verteilt beziehungsweise verteilen lassen. Danach können Gartenbenutzer den Kontakt zu den Schadstoffen und die damit verbundenen Gesundheitsrisiken vermeiden, wenn sie Folgendes beachten:

• Bei der Gartenarbeit Handschuhe tragen und danach die Hände waschen.

• Anbau von Gemüse, Salat und Erdbeeren in Hochbeeten.

• Nahrungspflanzen vor dem Verzehr gründlich waschen.

• Im Garten sollte kein Boden sichtbar sein. Dies können Sie mit Rasen, Mulch, bodenbedeckenden Pflanzen oder Kies erreichen.

Für Kinder empfiehlt das RP den Eltern außerdem:

• Kinder dürfen nicht auf unbedeckten Bodenflächen spielen und keinesfalls Boden in den Mund nehmen.

• Waschen Sie den Kindern nach dem Spielen gründlich die Hände.

• Schaffen Sie Spielflächen mit einer dichten Rasendecke.

• In Sandkisten ohne Kontakt zum Boden können Kinder gefahrlos spielen.

„Wenn Sie diese Verhaltensregeln beachten, ist nach jetzigem Wissensstand mit keinem erhöhten Gesundheitsrisiko zu rechnen“, heißt es in dem Informationsblatt für die Schrebergärtner.

Hintergrund: Flakeinheiten und Fliegerbomben

Nach der Chronik des Kleingärtnervereins Fackelteich bestand die Anlage einst aus einem größeren und zwei kleineren Teichen zwischen Waldkappeler Eisenbahnstrecke und dem Gaswerk Nürnberger Straße. Das heutige Fackelteichgelände war damals eine Müll- und Schuttkippe der Stadt Kassel. Die Teiche wurden zugefüllt und planiert, mit Lehm und Mutterboden abgedeckt.

Das unwegsame Gelände richtete Mitte der 1920er-Jahre das Stadtgartenamt zu einer Kleingartenanlage her.

Am 23. Oktober 1928 wurde die bis dahin lose Gartengemeinschaft als Kleingärtnerverein Fackelteich Kassel beim Amtsgericht eingetragen. Der Verein erhielt den Namen Fackelteich, weil das an den Teichen stehende Schilfrohr am oberen Ende Blüten trug, die einer schwarzen Fackel ähnlich waren.

Nach Vereinsangaben wurden 1941 Flakeinheiten mit Großkampfbatterien, Maschinengewehrtürmen, Scheinwerfer und Beobachtungsständen in der Anlage errichtet. Am 28. Juli 1943 fiel das Vereinsheim Brandbomben zum Opfer. Bei den Luftangriffen auf Kassel wurde die Anlage nahezu vollständig verwüstet. Laut Verein verbrannten 178 Lauben. Nach Kriegsende wurden mehr als 200 Bombentrichter registriert.

www.kgv-fackelteich.de

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