Umstrittene Tafel kommt trotz Protesten

Am Text für Karl-Branner-Brücke will Stadt nicht mehr rütteln

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Der Name bleibt: Auch künftig werden die Fußgänger zwischen Stadtmitte und Unterneustadt über die Karl-Branner-Brücke gehen. Eine Gedenktafel soll auf den Namensgeber hinweisen. Die Tafel wir derzeit erstellt, der Text steht bereits fest.

Kassel. Wie Magistrat und Stadtverordnete beschlossen hatten, wird die Karl-Branner-Brücke ihren Namen behalten. Auch der Text für eine Gedenktafel, die an der Brücke angebracht werden soll, wird nicht mehr verändert.

Das teilte die Stadt nun auf HNA-Anfrage mit. Das Schild, das auf den Namensgeber und ehemaligen SPD-Oberbürgermeister hinweist und auch dessen NS-Vergangenheit thematisiert, werde derzeit hergestellt. Die zuständigen Ortsbeiräte Mitte und Unterneustadt hatten alles versucht, um der Brücke einen neuen Namen zu geben. Wegen der Rolle von Karl Branner (1910-1977) im NS-Regime hielt die Mehrheit der Stadtteilvertreter eine Umbenennung für notwendig.

Lexikonwissen:

Karl Branner im Regiowiki

Für diese Position hatte es im Magistrat und in der Stadtverordnetenversammlung aber keine Mehrheit gegeben. Auch die jüngste Kritik der Historiker, die im Auftrag der Stadt unter anderem die Vergangenheit von Karl Branner und dessen Verstrickungen in der NS-Zeit aufgearbeitet hatten, blieb unberücksichtigt. Die Wissenschaftler aus Kassel und Marburg hatten in einem Offenen Brief kritisiert, dass der Magistrat für die Erstellung der Gedenktafel auf Formulierungen aus ihrer Forschungsarbeit zurückgegriffen hatte und die Zitate aber völlig aus dem Zusammenhang gerissen habe. „Manipulative“ Methoden und eine „verfälschende“ Darstellung ihrer Forschungsergebnisse werfen die vier Autoren der Studie zur NS-Vergangenheit der ehemaligen Kasseler Oberbürgermeister dem Magistrat vor.

Damit werde Branner, der seine Doktorarbeit 1937 im Sinne der NS-Ideologie verfasst hatte und in vielen NS-Organisationen aktiv war, ein später Persilschein ausgestellt. „Wenn die Verantwortlichen den Text dennoch unverändert an der Brücke anbringen, sind sie selbst dafür verantwortlich“, kommentierte Dietfrid Krause-Vilmar, einer der beteiligten Historiker, das Vorgehen. Wann genau die Tafel an der Brücke angebracht wird, konnte der Stadtsprecher nicht beantworten.

Der Text für die Gedenktafel

Dieser Text wird auf einer Tafel an der Brücke angebracht:

„Branner wuchs als Sohn eines Bäckermeisters in der Unterneustadt auf. Ab 1952 gestaltete er als Stadtverordneter der SPD, Bürgermeister und Oberbürgermeister (1963-1975) den Wiederaufbau des zerstörten Kassels mit. Er setzte sich mit Nachdruck für die 1972 erfolgte Gründung der Gesamthochschule, der heutigen Universität Kassel ein. 1975 wurde er Ehrenbürger, 1995 Ehrenoberbürgermeister. Im Mai 1933 trat er in die NSDAP ein und war u. a. Mitglied im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund. Er übernahm für seine Doktorarbeit den rassistisch-antijüdischen Ansatz seines Doktorvaters, der nach 1945 wegen seiner nationalsozialistischen Ansichten nicht wieder ins Beamtenverhältnis übernommen wurde. Während seiner Zeit als Soldat im Kriegseinsatz von 1939 bis 1945 wurde er nach dem 20. Juli 1944 wegen Wehrkraftzersetzung zu 10 Monaten Gefängnis mit Rangverlust verurteilt. Die Strafe wurde im April 1945 auf drei Monate abgemildert. Von 1945 bis 1949 war er als Kriegsgefangener in einem Lager im früheren Jugoslawien. Dort war er führend in einem „Antifaschistischen Ausschuss“ tätig, der vorwiegend die Umerziehung und Beeinflussung der deutschen Kriegsgefangenen im Geiste des jugoslawischen Kommunismus zum Ziel hatte. Dr. Karl Branner hat nach 1949 - wie sehr viele in seiner Generation - zu seiner Rolle im Nationalsozialismus geschwiegen. 1963 fand eine kurze öffentliche Debatte zu den Inhalten seiner Doktorarbeit statt. In einer 2015 veröffentlichten Studie, die die Stadt in Auftrag gegeben hat, ist sein Lebenslauf ausführlich dokumentiert. Dort heißt es: ,Öffentlich hat er die Rolle des Widerstandskämpfers nach allem, was wir wissen, nie in Anspruch genommen.’ Und weiter heißt es: ,An der Spitze der Stadt Kassel stand zwischen 1963 und 1975 kein Nationalsozialist, sondern ein ehemaliger Nationalsozialist, der sich nach längeren Anpassungs-, Wandlungs- und Lernprozessen zum Demokraten entwickelt hatte.’ Die Studie bewertet die Lebenswege von Branner und seinen Vorgängern als ,deutsche Normalbiographien des 20. Jahrhunderts’.“

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