Vergewaltigungsprozess: Freispruch nach fünf Jahren unschuldig im Gefängnis

Kassel. Fünf Jahre unschuldig im Gefängnis: Biologielehrer Horst Arnold ist am Dienstag vor dem Kasseler Landgericht vom Vorwurf freigesprochen worden, seine damals 36 Jahre alte Kollegin vergewaltigt zu haben. Es ist ein Freispruch erster Klasse.

Der fast zehnjährige Kampf des Biologielehrers Horst Arnold um sein Recht fand ein glückliches Ende. Im Jahr 2002 war er vom Darmstädter Landgericht wegen Vergewaltigung zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Das Kasseler Landgericht sprach ihn am Dienstag in einem Wiederaufnahmeverfahren "aus erwiesener Unschuld" frei. Dem 52-Jährigen stehen jetzt 38.000 Euro Haftentschädigung (20 Euro pro Tag im Gefängnis) zu. Das Urteil wurde im Zuschauerraum mit Beifall aufgenommen.

Freispruch: Horst Arnold (rechts) mit seinem Anwalt Hartmut Lierow.

In seinem letzten Wort hatte Horst Arnold noch einmal beteuert, die Tat nicht begangen zu haben: "Die letzten zehn Jahre waren die Hölle für mich", sagte der frühere Lehrer, der heute von Sozialhilfe lebt. Wie berichtet, hatte ihn das Darmstädter Landgericht ins Gefängnis geschickt, weil er seine Kollegin, die 42 Jahre alte Heidi K., in der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim vergewaltigt haben sollte. Horst Arnold bestritt díe Tat stets - Angebote, sie zuzugeben und so möglicherweise früher auf freien Fuß zu kommen, nahm er nicht an. Er saß die vollen fünf Jahre ab.

Niemand glaubte ihm in all den Jahren - bis er in Hartmut Lierow einen Verteidiger fand, der neue Beweise sammelte. Das Verfahren wurde wieder aufgerollt und endete nun mit einem Freispruch.

Artikel aktualisiert:
15:05 Uhr

Das Kasseler Landgericht ließ kein gutes Haar an dem Urteil der Darmstädter Kollegen. Der Vorsitzende Richter Jürgen Dreyer in der Urteilsbegründung. "Es kommt nicht darauf an, was Richter glauben, sondern wie man mit Recht umgeht." Eine Tat müsse so nachgewiesen werden, dass keine vernünftigen Zweifel bestehen bleiben. Dieser Grundsatz gelte erst recht, wenn in einem Vergewaltigungsprozess Aussage gegen Aussage steht. Dabei würde auch nach einen Urteil des Bundesgerichtshofs immer die These gelten: Die Aussage einer Belastungszeugin sei falsch. Erst wenn man gegenteilige Beweise finde, könne man verurteilen.

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Im konkreten Fall habe das vemeintliche Opfer schon das Tatgeschehen unglaubhaft geschildert. Heidi K. sei insgesamt unglaubwürdig. Richter Dreyer: "Sie war in der Lage, die aberwitzigsten Geschichten zu erfinden." Zum Beispiel erzählte sie, dass sie eine Tochter hatte, die bei einem Verkehrsunfall gestorben sei. Heidi K. hatte aber nie eine Tochter. Staatsanwalt Andreas Thöne, der einen Freispruch gefordert hatte, bezeichnete Heidi K. als selbsdarstellerische Schauspielerin, die immer wieder ganze Gerüste von Lügengebilden aufbaute.

Die Anwältin von Heidi K., Susanne Renner, sagte, die Märchengeschichten seien Auswirkungen einer posttraumatischen Belastungsstörung, die ihre Mandantin nach der Tat erlitten habe. Susanne Renner verlangte, dass das Darmstädter Urteil aufrecht erhalten bleiben sollte. Das Gericht erklärte dazu in seiner Urteilsbegründung, auch diese posttraumatischen Störungen seien nichts weiter als eine weitere Lüge von Heidi K.

Gegen Heidi K. ermittelt die Staatanwaltschaft Darmstadt inzwischen wegen Freiheitsberaubung. Sie arbeitet als Studienrätin in Bielefeld.

Stimmen zum Freispruch

Susanne Renner, Nebenklägervertreterin und Anwältin von Heidi K.: Das Urteil ist ein Schlag ins Gesicht jeder vergewaltigten Frau. Ob wir in Revision gehen, muss ich mit meiner Mandantin besprechen.

Andreas Thöne, Staatsanwalt: Ich bin zufrieden. Zu dem Urteil gab es keine Alternative.

Der freigesprochene Horst Arnold: Ich rufe jetzt erstmal meine Mutter und meine Tochter an. Mein Leben wird sich nun um 180 Grad drehen.

Verteidiger Hartmut Lierow: Der eigentliche Skandal ist, dass die Staatanwaltschaft Kassel vor zweieinhalb Jahren dagegen war, das Wiederaufnahmeverfahren zu eröffnen.

Von Frank Thonicke

Ein Video gibt es im Laufe des Tages an dieser Stelle.

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