31-jähriger Kasseler hatte sich 70.000 Euro erschwindelt

Urteil in Indizienprozess: Ex-Makler muss hinter Gitter

Kassel. Nach einem reinen Indizienprozess hat das Amtsgericht einen Ex-Versicherungsmakler aus Kassel zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Das Schöffengericht entsprach damit exakt dem Strafantrag von Staatsanwältin Vesper. Verteidigerin Susanne Leyhe hatte Freispruch gefordert.

Damals, Ende 2008, herrschte offenbar eine Art Goldgräberstimmung in der Versicherungsbranche, erinnerte Richterin Ferchland in ihrer Urteilsbegründung. Der von Geldsorgen und rabiaten Gläubigern bedrängte 31-jährige Angeklagte – er fuhr damals selbst mit einem Porsche durch die Stadt – habe gesehen, wie sein türkischer Landsmann Mehmet Göker von der MEG „das Geld raushaute“.

Dagegen sei es bei dem 31-Jährigen nach anfänglichen Erfolgen seines 2007 gegründeten Unternehmens immer schlechter gelaufen.

Weil er seinen eigenen Lebensstil sichern wollte und das geliehene Geld zurückzahlen musste, habe er in insgesamt 17 Fällen fingierte Verträge für private Krankenversicherungen eingereicht und dafür von den Versicherungen rund 70.000 Euro an Provisionen kassiert.

Die Richterin erinnerte daran, dass keiner der gehörten Zeugen eine private Versicherung gewollt und auch keiner einen Vertrag dafür unterschrieben hatte. Dass ihm – wie behauptet – getürkte Verträge von seinen Mitarbeitern untergeschoben worden seien, mochte Ferchland nicht glauben: „Sie haben Ihre Mitarbeiter ohne jede Vorkenntnisse auf die Menschheit losgelassen. Die hatten doch von Tuten und Blasen keine Ahnung.“

Er als Chef hätte daher die Pflicht gehabt, die Verträge sorgsam zu prüfen und nicht einfach ungelesen zu unterschreiben. Mit dieser Behauptung hatte der Angeklagte seine Unterschriften zu erklären versucht. Strafverschärfend hatte das Gericht den Umstand gewürdigt, dass der Angeklagte bereits zwei Mal wegen ähnlicher Taten zu Geldstrafen verurteilt worden war.

Staatsanwältin Vesper hatte wegen eines fehlenden Geständnisses des Kasselers die Beweislage „wie ein Puzzle“ zusammengesetzt. Am Ende bestand für sie kein Zweifel daran, dass der 31-Jährige in betrügerischer Absicht gehandelt und die Urkunden gefälscht habe. Verteidigerin Susanne Leyhe hingegen sah dies im Verfahren nicht als bewiesen an. Zeugenaussagen seien widersprüchlich gewesen, es sei nicht erwiesen, dass ihr Mandant in betrügerischer Absicht gehandelt habe, er sei daher freizusprechen.

Der Angeklagte selbst, eine schlanke, gepflegte Erscheinung mit dem Auftreten eines smarten Geschäftsmannes, nahm das Urteil sichtlich erschüttert zur Kenntnis. Unmittelbar zuvor hatte er noch gesagt: „Ich weiß, dass ich es nicht gewesen bin.“ Doch das Gericht glaubte ihm nicht.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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