Vermutlich älteste Wetterstation Europas in Kassel entdeckt

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Vermutlich älteste Wetterstation Europas in Kassel entdeckt

Kassel. In Kassel wurde jetzt die vermutlich älteste Wetterstation Europas entdeckt. Der Schatz schlummerte bereits seit Jahrzehnten in der Stadt.

Für das schöne Wetter war damals die Dame zuständig, bei Regen trat der Herr mit seinem Schirm hervor. Die beiden aus Elfenbein geschnitzten Figuren gehören wahrscheinlich zur ältesten Wetterstation Europas. Die ist eine spektakuläre Entdeckung, auch wenn sie schon seit Jahrzehnten in Kassel steht.

„Wir haben sie beim Ausräumen des Hessischen Landesmuseums gefunden“, sagt Dr. Karsten Gaulke, der Leiter des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts in der Orangerie. Das Landesmuseum - eines der wenigen historischen Gebäude Kassels, die den Krieg unversehrt überstanden haben - diente lange Zeit als Depot für verschiedene Sammlungen. Ganz hinten in einem Schrank stand die verstaubte Wetterstation.

Die habe sich in einem jämmerlichen Zustand befunden, sagt die Restauratorin Anne Becker von der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK). Spezialisten aus Süddeutschland haben die pyramidenförmige Konstruktion von den vergoldeten Messingfüßen bis zur Mini-Vase aus Elfenbein an der Spitze wieder originalgetreu hergerichtet. Gleichzeitig liefen die Recherchen zur Geschichte der Wetterstation, bei der die Inventarnummer verloren gegangen ist.

Eine Spur führt nach Frankreich, genauer gesagt nach Dieppe in der Normandie. Dort gibt es Thermometer, die dem Kasseler nahezu exakt gleichen. Gut möglich, dass die gesamte Station in Dieppe gebaut wurde.

Erste Ideen für eine Wetterstation, die sowohl die Temperatur als auch die Luftfeuchtigkeit misst, sind aus dem Jahr 1726 dokumentiert. Das älteste bislang bekannte Instrument steht in Paris und zwar im Conservatoire National des Arts et Métiers.

Es wird auf das Jahr 1800 datiert. „Ich bin mir sicher, dass unsere Wetterstation deutlich älter ist“, sagt der Wissenschaftshistoriker Karsten Gaulke. Ein Indiz dafür könnten zwei neben der Temperaturskala eingravierte Jahreszahlen für besonders hohe und besonders niedrige Temperaturen sein. Dort sind die Jahre 1751 und 1761 vermerkt.

Kassel: Eine Wettermaschine aus dem 18. Jahrhundert

Auch die handwerkliche Ausführung der Station mit ihren besonders feinen Elfenbeinschnitzereien spricht nach Ansicht von Fachleuten für ein früheres Baujahr. Möglicherweise hat Landgraf Karl (1654 bis 1730) sie noch in Auftrag gegeben. Aufschluss könnten Dokumente des Landesmuseums geben, in denen die Wissenschaftler weiterhin nach Hinweisen suchen.

Von Thomas Siemon 

So funktioniert die Station

Aus der Vase auf der Spitze der pyramidenförmigen Wetterstation führt ein Draht nach unten. Der ist mit einem Faden verbunden, der sich bei Feuchtigkeit ausdehnt und über einen weiteren Draht eine Scheibe bewegt.

Darauf stehen die aus Elfenbein geschnitzten Figuren einer Frau (schönes Wetter) und eines Mannes mit Regenschirm, die passend zum Wetter vortreten. Die Restaurierung, die 5000 Euro gekostet hat, wurde vom Museumsverein und von der Fieseler Stiftung unterstützt. (tos)

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