Verpflichtendes Erbe

Neues Buch über Kasseler Anwältin, Politikerin und Ehrenbürgerin Elisabeth Selbert

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Vor der Gedenktafel im Bundessozialgericht: Mitherausgeber Hans Eichel (v. li.), Autorin Karin Gille-Linne, Verlegerin Renate Matthei, Susanne Selbert, Ingo Buchholz (Kasseler Sparkasse).

Kassel. Plötzlich ertönt ihre Stimme im Elisabeth-Selbert-Saal. Ernst und streng sagt sie „Ich bin Jurist“, redet über einen „geschichtlichen Tag“ und eine „sozialistische Perspektive“.

Dirk Felmeden, Pressesprecher des Bundessozialgerichts, spielte zum Auftakt der Vorstellung des neuen Elisabeth-Selbert-Buchs einen Ausschnitt ihres Rundfunkvortrags ein, gehalten 1949 unmittelbar nach der Abstimmung über Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Diese Formulierung in prägnanter Kürze im Parlamentarischen Rat ist der Kasseler Anwältin (1896-1986) zu verdanken. Das Leben dieser „Vorkämpferin für die Gleichberechtigung und außergewöhnlichen Frau“, so Vorstandsvorsitzender Ingo Buchholz, wird nun anlässlich der Veranstaltung „Die Region trifft sich - die Region erinnert sich“ (wir berichteten) der Kasseler Sparkasse neu erzählt.

Und das in vielen Facetten, mit einer Fülle von Fotos, bezogen auf die Situation heute: Ludwig Georg Braun, Jahrzehnte B. Braun-Vorstandsvorsitzender, berichtet über Gleichberechtigung in der Wirtschaft, Christine Hohmann-Dennhardt, ehemalige Richterin am Bundesverfassungsgericht, bald Vorstand bei VW, schreibt über ihr verpflichtendes Erbe, Historikerin Karin Gille-Linne korrigiert den Eindruck, Frauen hätten sich 1949 „waschkörbeweise“ für Gleichberechtigung eingesetzt, wie es der Spielfilm „Sternstunde ihres Lebens“ zeigt: „Es waren 30 Eingaben.“ Darstellerin Iris Berben äußert sich im Interview.

Sie habe selten so leidenschaftliche Herausgeber erlebt wie Hans Eichel und Barbara Stolterfoht, sagte Verlegerin Renate Matthei. Beide haben Kasseler und hessische sozialdemokratische Geschichte geschrieben. Stolterfoht, erste kommunale Frauenbeauftragte in Kassel, war bei der Buchpräsentation verhindert.

Eichel ist heute „alles a. D.“, wie er bei seiner Vorstellung lächelnd sagte, und erzählt wunderbar anekdotisch von den alten Schlachten, zum Beispiel, wie in den 70ern Gewerkschafter und Personalräte in seinem Oberbürgermeister-Büro standen, um Frauen bei Feuerwehr oder KVG zu verhindern: „Es war unvorstellbar, dass Frauen Straßenbahnen fahren.“

Auf die Frage, warum Selbert selbst nie die ganz große politische Karriere machte, sagte Eichel, auch die SPD sei eine patriarchalische Partei gewesen: „Wir sind so gut mit ihr nicht umgegangen.“ Selbert sei auch erst 1984, „Jahrzehnte zu spät“, Ehrenbürgerin geworden.

Hintergrund: "Unendliche Geschichte"

„Das Buch sollte nicht mit Selberts Tod enden“, sagt Hans Eichel - neben Barbara Stolterfoht Herausgeber des Buchs „Elisabeth Selbert und die Gleichstellung der Frauen“ (euregio-verlag, 160 S., 20 Euro). Deshalb trägt es den Untertitel „Eine unvollendete Geschichte“. Die Perspektive der elf Autoren sei bewusst weit gespannt, so Eichel - von der Familie bis zur Wissenschaft.

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