Schriftstücke lagern an 20 Orten

Versteigerung der Grimm-Briefe: Wie der Blick in eine Wundertüte

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Insgesamt 88 Schriftstücke: Eine Auswahl der Korrespondenz von Jacob und Wilhelm Grimm.

Kassel. Von einem idealen Zusammenspiel beim Erwerb der Korrespondenz von Jacob und Wilhelm Grimm mit der Dieterichschen Buchhandlung in Göttingen sprach am Mittwoch bei der Präsentation in der Murhardschen- und Landesbibliothek Prof. Dr. Frank Druffner, stellvertretender Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder: „Die Voraussetzungen waren optimal.“

Die Auktion

Durch den Katalog der Berliner Autografenhandlung Stargardt erfuhr Dr. Brigitte Pfeil, Leiterin der der Abteilung Sondersammlungen der Uni-Bibliothek, dass das Grimm-Konvolut in Berlin versteigert werden sollte. Sie informierte das Kulturamt. Zusammen ging man das Vorhaben an, die Schriftstücke für Kassel zu gewinnen.

Im Kontakt mit dem Verlag: Wilhelm (links) und Jacob Grimm im Gemälde von Elisabeth Jerichau- Baumann (1855). Foto: dpa

Die Kulturstiftung der Länder prüft durch zwei Gutachter Echtheit und Wert, bevor sie eine Finanzierung in Aussicht stellt. Die Zusage kam, als Kulturamtsleiterin Dorothée Rhiemeier, Uni-Bibliotheksdirektor Axel Halle und Grimm-Professor Holger Ehrhardt schon gemeinsam im Zug saßen: Kasseler Grimm-Institutionen zogen an einem Strang. Abgestimmt worden war auch, dass keine andere Bibliothek – etwa Berlin oder Göttingen – den Kasselern ins Gehege kam. In Berlin liegt das Gegenstück: die Briefe des Verlagshauses an die Grimms.

Der derzeit nachweisbare Schriftwechsel zwischen den Grimms mit ihrem wichtigsten Verleger umfasst 250 Briefe. Sie lagern an 20 Orten, etwa Krakau, Innsbruck, London, Philadelphia und New York – und der größte Teil nun in Kassel.

Die Briefe

Was genau würde sich in den Schriftstücken verbergen? Eine Auktion sei eine „Wundertüte“, so schilderte Eva Claudia Scholtz, Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung, die Spannung: Bevor der Hammer fällt, kann man keinen Blick auf sämtliche Originale werfen.

Das haben die Experten inzwischen getan. „Die Briefe sind in gutem Zustand“, sagt Brigitte Pfeil. Die Korrespondenz von 1805 bis 1863 umfasse praktisch das gesamte Erwachsenenleben der Grimms, sie handele von ihren wichtigsten Werken, sagt Ehrhardt. Es gehe um Manuskripte und Korrekturen, Honorare, Frei- und Geschenkexemplare, Details zu Illustrationen, die Einrichtung des Drucks und die Abrechnung der Verkäufe.

Aus den Briefen gehe etwa hervor, dass vor allem Wilhelm Grimm „durchaus geschäftstüchtig“ gewesen sei. Dessen Sohn Hermann habe nur 14 Tage nach dem Tod seines Onkels Jacob Verhandlungen mit dem Verlag aufgenommen. Details erfährt man über die Schmuckausgabe der Kinder- und Hausmärchen von 1843, von der es weltweit nur noch vier Exemplare gibt – eine davon in Kassel. Durchschnittlich weit unter 500 Euro pro Brief, das, sagt Ehrhardt, war ein „Spottpreis“.

Die Bedeutung

Ehrhardt erwartet „viele interessante Details“, die dem Bild der Grimms neue Facetten hinzufügen. Ende Juni will er bei einer Tagung der Herausgeber der Grimm-Briefe erste Ergebnisse vorstellen: „Ich will nicht ausschließen, dass noch ein Knaller herauskommt.“

Für Scholtz öffnet sich mit den Briefen ein Fenster ins 19. Jahrhundert, in jene Epoche, als sich das Urheberrecht herausbildete. Das Bild vom Umgang zwischen Autoren und Verlagen werde sich schärfen. Und für Oberbürgermeister Bertram Hilgen setzt der Ankauf ein Ausrufezeichen, dass Kassel die Grimm-Hauptstadt sei.

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