Stadt will Vereine bei Schwimmkursen unterstützen

Viele Flüchtlinge und immer mehr einheimische Kinder können nicht schwimmen

Aller Anfang ist schwer: Schwimmkurse und Hilfsmittel helfen Kindern beim Lernen. Archivfoto: dpa

Kassel/Seigertshausen. Am Samstag sind drei Geschwister, deren Eltern aus dem Irak stammen, in einem Löschteich im Schwalm-Eder-Kreis ertrunken. 27 Flüchtlinge sind im Vorjahr in deutschen Seen oder Schwimmbädern ertrunken. Kassel will Vereine unterstützen, damit insgesamt wieder mehr Kinder schwimmen lernen.

Die Mitarbeiter des Auebads müssten seit geraumer Zeit öfters ins Wasser springen, um Badegäste vor dem Ertrinken zu retten, sagt Achim Welker, Schwimmlehrer aus Calden. Bei denen in Not geratenen Menschen handele es sich um Flüchtlinge, von denen die meisten nicht schwimmen könnten.

Welker bietet derzeit zwei Schwimmkurse für Flüchtlinge im Auebad an. Bei seinen Schülern handelt es sich um jugendliche Flüchtlinge, die allein nach Deutschland gekommen sind und in Wohngruppen leben. Viele seien sehr ängstlich, weil sie keine Erfahrung mit Schwimmbädern hätten, sagt Welker. Auch wenn die Verständigung mit den meist männlichen Jugendlichen nicht immer einfach sei, so lernten die meisten von ihnen Schwimmen nach zehn Unterrichtsstunden. „Es hängt natürlich auch vom Ehrgeiz der Einzelnen ab.“

Ingo Pijanka, Sprecher der Städtischen Werke, bestätigt, dass die Mitarbeiter des Auebads hin und wieder Flüchtlinge aus dem Becken holen müssen. „Das kommt im Schnitt alle drei Monate vor.“ Die Häufigkeit gebe aber keinen Anlass zur Beunruhigung.

Viele Flüchtlinge könnten wohl nicht abschätzen, wie tief das Wasser ist, weil Schwimmbäder etwas völlig Neues für sie seien, so Pijanka. Die Städtischen Werke hätten schon vor geraumer Zeit die Haus- und Badeordnung übersetzt, um alle Besucher über die Regeln im Bad zu informieren.

Bei der Stadt Kassel habe man sich bereits vor Monaten dazu entschlossen, Gespräche mit den Schwimmvereinen zu führen, damit diese ihre Schwimmkurs-Angebote ausweiten könnten, sagt Sozialdezernent und Kämmerer Christian Geselle. Dabei gehe es aber nicht nur um Flüchtlinge. Auch immer mehr einheimische Kinder könnten nicht mehr schwimmen. Gegen diese Defizite wolle man auch mit Förderprogrammen vorgehen.

Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts (KIGGS-Welle 1) können 14,5 Prozent der fünf- bis 17-jährigen Kinder in Deutschland nicht schwimmen. Sozial benachteiligte Kinder könnten deutlich seltener schwimmen als Gleichaltrige aus sozial besser gestellten Familien. Aus der Studie geht auch hervor, dass Kinder mit Migrationshintergrund häufig nicht schwimmen können. Das liege auch daran, dass nicht in allen Ländern das Schwimmen einen gleich hohen Stellenwert wie in Deutschland habe. In einigen Kulturen sei es üblich, lediglich zu baden. „Darüber hinaus möchten manche Eltern nicht, dass ihre Töchter gemeinsam mit Jungen am Schulschwimmunterricht teilnehmen. Traditionen, Schamgefühl, Ängste und Glaubensregeln dürften hierbei eine Rolle spielen“, heißt es in der Studie.

Hintergrund: 27 Flüchtinge im Vorjahr ertrunken

Laut der Erhebung der DLRG sind im Jahr 2015 in Deutschland mindestens 488 Menschen ertrunken. Gegenüber 2014 stieg die Zahl der Opfer um 96 Menschen (24,5 Prozent). Das ist der höchste Stand seit neun Jahren.

Zurückzuführen sei der negative Trend auf den relativ schönen Sommer. Nach der DLRG-Statistik ertranken allein 254 Menschen zwischen Juni und August. Mehr als jeder zweite tödliche Unfall (52 Prozent) ereignete sich damit in den Sommermonaten. Besonders die hohe Zahl der ertrunkenen Flüchtlinge (27) bereitet der DLRG erhebliche Sorgen.

Für das laufende Jahr liegen noch keine Zahlen vor. Die Zahl der Badeunfälle von Flüchtlingen scheint aber weiterhin zu steigen. „Die Welt“ berichtete vor wenigen Tagen, dass in diesem Jahr bereits 20 Flüchtlinge in Deutschland ertrunken sind.

Drei Geschwister in Feuerlöschteich ertrunken

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