„Hausarrest" als letzte Rettung

Drohende Abschiebung: Gemeinde gewährt Flüchtling Kirchenasyl

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Traumatisiert: Teklemarian Hailiselassi, Flüchtling aus Eritrea, lebt im Kirchenasyl in der „Kirche im Hof“ der Kasseler Baptisten-Gemeinde. Die Räume der Kirche darf er nicht verlassen, sonst droht ihm Abschiebung nach Malta.

Kassel. Eine Bettstatt auf einer Matratze, Tisch, Stühle und eine Mikrowelle, die wenigen Habseligkeiten ordentlich in der Zimmerecke aufeinandergelegt. Seit August ist für den 27-jährigen Teklemarian Hailiselassi ein Raum, der ursprünglich ein Büro der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Kassel-West ist, sein Wohnort.

Er darf das Gebäude nicht verlassen, ohne zu befürchten, abgeschoben zu werden. Zunächst nach Malta. Auf der Mittelmeerinsel war er im Sommer 2012 nach einer lebensgefährlichen Odyssee von Eritrea aus gestrandet.

Um ihn vor der Abschiebung zu bewahren, gewährt die Ev.-Freikirchliche Gemeinde Teklemarian Hailiselassi in ihrer „Kirche im Hof“ an der Friedrich-Ebert-Straße Asyl. Während die Baptisten für die Unterbringung sorgen, kommen die Mitglieder der eritreischen Gemeinde, die als Gäste in der Kirche ihre Gottesdienste abhalten, für die Verpflegung auf. Sie hatten das Kirchenasyl vermittelt.

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Eine traumatische Flucht liegt hinter Hailiselassi. Er war aus seinem Heimatland geflohen, weil er statt eine Ausbildung zu beginnen, zum Zwangsmilitär eingezogen wurde. Als nach vier Jahren Militärdienst kein Ende absehbar war, ergriff er zusammen mit seinem jüngeren Bruder die Flucht. Sie verließen ihre kleine Heimatstadt, wo die Eltern mit sieben Geschwistern leben. Ihre Flucht führte über den Sudan und Libyen, wo sie Gefängnis, Zwangsarbeit und Obdachlosigkeit erlebten. Als sie mit 36 anderen auf der Ladefläche eines Pick-ups die Sahara durchquerten, verlor Teklemarian seinen Bruder. Er verdurstete. Hailiselassi spricht inzwischen gut Deutsch, aber die Sätze kommen zögernd. Man spürt, wie sehr er unter den traumatischen Erlebnissen und seiner ungeklärten Situation leidet.

„Wir dachten, das Kirchenasyl dauert ein paar Wochen, jetzt sind es schon Monate“, sagt Baptisten-Pastor Frank Fornaçon. Die ungewisse Zukunft zehrt an den Nerven Hailiselassis. „Ich bin sehr dankbar, dass ich in Sicherheit bin, aber für mich ist das hier auch ein kleines Gefängnis.“ In seinem Blick mischen sich Ernst, Traurigkeit und Stress. Auch wenn er sich im Haus und im Hof frei bewegen kann, steht er quasi unter Hausarrest. Die Zeit nutzt er, um Deutsch zu lernen. Außerdem singt der gläubige Christ im Gospelchor, besucht die Gottesdienste. „Es sind Freundschaften entstanden. Viele Gemeindemitglieder freuen sich, wenn sie ihm begegnen“, sagt Fornaçon. Kürzlich hatte die Gemeinde zum Adventsnachmittag auch andere Flüchtlinge in ihre Kirche eingeladen. Doch Hailiselassi brennt darauf, sein Leben endlich selbst in die Hand nehmen zu können. Er träumt von einer Ausbildung zum Automechaniker.

„Das Kirchenasyl muss endlich ein gutes Ende haben“, sagt Fornaçon. Doch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zeige kein Erbarmen. Auf eine Petition der Gemeinde mit der Bitte, Hailiselassi in das Asylverfahren aufzunehmen, wurde vom Bundesamt in Nürnberg nicht einmal reagiert. Die Behörden wollen Hailiselassi so schnell wie möglich abschieben. „Wir haben uns bei Partnergemeinden erkundigt, die uns dringend abraten, Flüchtlinge nach Malta zurückzuschicken“, sagt Fornaçon: Dort erwarteten ihn Obdachlosigkeit, Betteln, Straßenkriminalität und Ausbeutung.

Das sagt Pastor Frank Fornaçon

"Fremdenfreundlichkeit gegenüber Flüchtlingen zeigt sich immer am konkreten Fall", sagt Pastor Frank Fornaçon. "Teklemarian Hailiselassi erlebt Deutschland auf zwei Weisen: Viele Menschen nehmen ihn freundlich auf und geben ihm das Gefühl, willkommen zu sein. Vonseiten der Behörden aber erlebt er Ablehnung. Zweimal wurde er bereits ins Gefängnis gesteckt, bis ihn ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Knast befreite. Wir gewähren ihm Kirchenasyl, um ihn zu schützen. Bei Gott ist jeder willkommen. Bei uns auch. Jeden Sonntag beten wir für ihn. Eritrea gilt als brutale Diktatur, in der nicht nur Christen unterdrückt werden, sondern alle, die sich eine eigene Meinung leisten." Fornaçon kritisiert die ablehnende Haltung des Bundesamtes. Es werde keine Rücksicht auf die "hervorragenden Integrationsaussichten des Flüchtlings" genommen.

Von Christina Hein

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