Kirche hat Reihenhaus an Kreuzkirche für Flüchtlinge freigemacht

Nach der Flucht nun in Kassel: "Fühlt sich an wie der Himmel auf Erden“

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Seit Anfang Februar lebt die syrische Flüchtlingsfamilie in einem Haus neben der evangelischen Kreuzkirche. Von links Mutter Sherin Khalil, Tochter Hevi (13), Sohn Ferhad (10), Jugendbildungsreferent Jens Domes, Vater Ismat Khalil, Pfarrer Joachim Baier sowie die Geschwister Sivan (5), Ronahi (18) und Sharvan (5). Hinten sieht man die kurdische Flagge.

Kassel. Nach über fünf Jahren Angst, Entbehrung und Trennung hat eine syrische Familie mit fünf Kindern in Kassel ein Zuhause gefunden – in einem Reihenhäuschen neben der evangelischen Kreuzkirche in Kassels Vorderem Westen.

Das Wohnzimmer sieht noch etwas karg aus, ganz ohne Sofa oder Sessel. Auf dem Tisch stehen aber rote Rosen. Die hat Ismat Kahlil seiner Frau Sherin zum Valentinstag geschenkt. Die Flüchtlingsfamilie ist im Februar in das Reihenhaus gezogen.

Die Gemeinde und das Stadtjugendpfarramt, die die Räume bisher nutzten, hatten im Herbst den Teil der Hausreihe freigemacht und als Vier-Zimmer-Wohnung hergerichtet. „Wir dachten: Wir müssen nur etwas enger zusammenrücken, können damit aber substanziell helfen“, sagt Pfarrer Joachim Baier. Unter dem Kirchendach und im Turm habe es noch Ausweichräume gegeben.

Über die Wohnungsvermittlung der Caritas für Flüchtlinge kam der Kontakt mit der syrischen Familie zustande. „Natürlich haben wir die Flüchtlingskrise seit Monaten in den Nachrichten verfolgt“, sagt Pfarrer Baier. „Aber als die Familie uns dann gegenüberstand, dachte ich plötzlich: Das könnten auch wir sein.“

Ismat Khalil, der in Syrien als Anwalt gearbeitet hat, war Anfang 2015 zunächst allein nach Deutschland geflohen. Er kam in Kassel in einer Gemeinschaftsunterkunft unter. Nach der Anerkennung durfte im November seine Frau mit den Kindern im Rahmen des Familiennachzugs hinterherkommen. Weil zunächst keine Unterkunft für die siebenköpfige Familie aufzutreiben war, nahm ein hilfsbereites Ehepaar aus Espenau Sherin Khalil und die fünf Kinder im Alter von 5 bis 18 Jahren vorübergehend auf. Nach drei Monaten vergeblicher Wohnungssuche kam das Angebot der Kirchengemeinde.

„Wir sind so dankbar. Für uns fühlt sich das nach all den Jahren wie der Himmel auf Erden an“, sagt die 46-jährige Mutter auf Englisch. Sie hat in Aleppo, wo die syrische Familie lebte, als Lehrerin gearbeitet. Dort hatten sie ein gutes Leben geführt. Bis der Krieg kam. Vor fünf Jahren flüchteten sie aus der umkämpften Metropole mit den gerade erst geborenen Zwillingen in die kurdische Region Afrin in Nordwestsyrien. Ihr Haus wurde zerbombt und geplündert, erzählt Sherin Khalil.

In der Bergregion lebten sie unter einfachsten Bedingungen und schwieriger Versorgungslage. Nach drei Jahren beschloss Vater Ismat, in Europa ein neues Leben für die Familie zu suchen. Eineinhalb Jahre dauerte die Flucht, für die er viel Geld an Schlepper bezahlte. So lange schlug sich seine Frau allein mit den Kindern durch. Einmal im Monat machte sie sich voll verschleiert durch die vom „Islamischen Staat“ beherrschten Gebiete nach Aleppo auf, um ihre staatlichen Bezüge abzuholen, erzählt sie.

In Kassel möchten die Khalils sich nun ein neues Leben aufbauen. Die 18-jährige Tochter Ronahi, die in Syrien noch unter Bombenlärm für ihren Schulabschluss lernte, möchte Medizin studieren. Die 13-jährige Hevi hofft, bald einen Platz in der Schule zu bekommen. Ihr Bruder Ferhad (10) besucht seit Februar die Grundschule am Königstor. Dort hat er schon vom Herkules gehört. Den will er jetzt unbedingt mal aus der Nähe kennenlernen.

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