Fulda-Eis lagerte im Felsenkeller: Die unterirdischen Anlagen der Martini-Brauerei

Verborgener Ort: Auf dem Gelände der Martini-Brauerei führten Bernd Tappendeck (rechts) und Tom Gudella von den Vikonauten durch die Felsenkeller der ehemaligen Brauerei. Foto: Schachtschneider

Kassel. Seit 20 Jahren nicht mehr öffentlich zugänglich - am Sonntag Mittelpunkt einer besonderen Stadttour: Am Tag des offenen Denkmals durften zwei Gruppen in die Felsenkeller der ehemaligen Martini-Brauerei.

„Die sind seit über 20 Jahren nicht mehr öffentlich zugänglich“, sagte Bernd Tappendeck vom Verein Vikonauten, der die Tour zusammen mit Tom Gudella organisiert hatte.

Die mit Helmen und Taschenlampen ausgerüstete, bunt zusammengewürfelte Besuchergruppe war sich der Exklusivität wohl bewusst. Der Andrang war schon im Vorfeld groß. Geradezu andächtig stiegen die Teilnehmer immer tiefer in das faszinierende Labyrinth der Keller hinab. Sie nahmen staunend Eiskeller, Gärkeller, Braukeller und vieles mehr in Augenschein, marschierten über eine Stunde lang über steile Steinstufen, durch feuchte Gänge und muffige Gassen. Verlassene Arbeitsplätze zeugen davon, dass hier, 20 Meter unter der Erde, über Jahrhunderte Menschen gearbeitet haben.

„Hier könnte man gut einen Gruselfilm drehen“, sagte Lothar Decker aus Fuldatal und blickt sich nach seinem Schwiegersohn, Tobias Schmidt, um, der den Senior zur Höhlentour überredet hatte. „Ein Horrorfilm ist hier bereits entstanden“, antwortet ihm Bernd Tappendeck. Auch Künstler hatten in den letzten Jahren großes Interesse am Felsenkeller gezeigt. Doch der schläft seit langem seinen Dornröschenschlaf. Spannende, mit vielen Informationengespickte Geschichten erzählen Gudella und Tappendeck:

Im 19. Jahrhundert befanden sich an der Kölnischen Straße, die damals eine Landstraße war, eine Vielzahl an Eiskellern. In bis zu 13 Metern hohen Höhlen, die heute wie Dome wirken, haben die Menschen im Winter Eis aus der Fulda bevorratet, um mit Hilfe eines ausgeklügelten Kaltlufsystems Lebensmittel, in erster Linie Bier, zu kühlen. Dabei erreichten sie Temperaturen um die vier Grad - ganz ohne Strom.

Kasseler Unternehmergeschichte wurde hier geschrieben, als 1895 die Brauerei Kropf an den Standort der inzwischen geschlossenene Martini-Brauerei zog. Sie nutzte die natürlichen Felsenkeller und baute das Areal mit einer großen Kelleranlage aus.

Spannend sei, so Tom Gudella, dass sich das Kellergeflecht bis zum Hauptbahnhof und zum Tannenwäldchen erstreckt, aber mitnichten erforscht ist. „Wir vemuten in diesem Bereich einen Keller aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, der noch unentdeckt ist, so Tappendeck. Elia (10) aus Kassel, der mit seinem Papa Ralf Lamster an der Tour teilnimmt, lauscht gespannt. „Wir haben auch schon andere Touren durch Kassels Unterwelt mitgemacht“, sagt er, „wirklich spannend.“

Die Vikonauten haben sich zum Ziel gesetzt, außergewöhnliche, historische, verborgene - vor allem unterirdische - Orte der Stadt durch Führungen zu neuem Leben zu verhelfen.

Infos: www.kassel-total.de

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