Blick ins Geschichtsbuch

Gasthaus Zeppelin residierte über 60 Jahre an der Friedrich-Ebert-Straße

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Im Chic der 50er-Jahre: Die Nordstern-Versicherung war in dem Neubau an der Friedrich-Ebert-Straße beheimatet. Im Erdgeschoss befanden sich aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin die Zeppelin-Gaststätten.

Kassel. Wo seit einigen Jahren ein Leerstand klafft, befand sich über 60 Jahre lang ein traditionsreiches Kasseler Lokal. In der 1909 eröffneten Gaststätte „Zeppelin“ an der Friedrich-Ebert-Straße/Ecke Karthäuserstraße wurde Geschichte geschrieben.

So wurde das Lokal am 20. und 21. Mai 1970 zum offiziellen Presse-Treff für Journalisten aus aller Welt. Anlass war das Treffen von Bundeskanzler Willy Brandt und DDR-Ministerpräsident Willi Stoph in Kassel. Die Ursprünge des Lokals liegen im Jahr 1909.

Damals kaufte Brauereibesitzer Georg Kropf (Martini) das Gründerzeithaus an der Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Str.) und ließ im Erdgeschoss das Gasthaus „Zeppelin“ eröffnen. Der Name rührt vermutlich von den damaligen ersten Erfolgen in der Luftschifffahrt. Im Inneren war alles auf den Namen abgestimmt.

Es gab eine große Deckenleuchte in Form eines Zeppelins und an den Wänden hingen Bilder, die den Grafen Ferdinand von Zeppelin zeigten. Das „Zeppelin“ wurde Treffpunkt der Stammtische. Der damalige Wirt führte an diesen eine Glocke ein. Diese erklang immer dann, wenn ein Gast sein 13. Glas Bier geleert hatte – das gab es umsonst. In einem alten Bericht unserer Zeitung über das Lokal heißt es: „Es kam vor, daß die Gäste – die Musik vorweg – durchs ganze Lokal zogen und schließlich auch ins Freie, um eine Runde um das Uhrtürmchen auf der anderen Seite der Hohenzollernstraße zu drehen.“ Mit den beschwingten Zeiten war es im Zweiten Weltkrieg vorbei.

Das „Zeppelin“ wurde zur alkoholfreien Hitler-Jugend-Gaststätte. In der Bombennacht im Oktober 1943 wurde das Haus zerstört. Die Geschichte des „Zeppelin“ sollte aber weitergehen. 1955 eröffnete an gleicher Stelle das Lokal in einem Neubau. Nun wurde es zur Großgastronomie mit mehreren Bereichen: „Es gab ein Restaurant, ein Café, die Bierklause und große Gesellschaftsräume“, erinnert sich Edel Hildebrandt, Tochter des langjährigen Wirts Willy Benewitz. Die Geschäfte liefen gut. „Zeitweise hatten wir 20 Angestellte“, sagt die Tochter. Die Familie habe direkt über dem Lokal gewohnt und die Kinder hätten im Betrieb mitgeholfen.

Allein beim Brandt-Stoph-Treffen gingen 1200 Menüs an hungrige Journalisten über den Tresen – der Renner war das „Reporter-Steak“, wie unsere Zeitung damals schrieb. Die Frau des Wirtes, Emmy Benewitz, hatte die Zügel fest in der Hand. „Meine Mutter war resolut. Sie stand an der Essensausgabe und die Kellner legten ihr die Bons hin. Sie rief die Bestellungen in die Küche. Einmal fragte ein Gast meinen Vater, was für eine Krähe da rumschreie. Er sagte: Meine Frau“, erzählt die Tochter. Als 1968 die Mehrwertsteuer eingeführt wurde, liefen die Geschäfte immer schlechter. Mitte der 70er-Jahre war Schluss im „Zeppelin“. Wirt Benewitz (1923-2003), der neun Jahre lang dem hessischen Hotel- und Gaststättenverband als Präsident vorstand, wechselte in die Chefetage der Martini-Brauerei.

Multimedia-Reportage zur Friedrich-Ebert-Straße

Story bei Atavist

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