Die Geigerin Tianwa Yang ist ein Weltstar – und wohnt seit vier Jahren in Kassels Vorderem Westen

Geigerin Tianwa Yang: Ein Weltstar wohnt im Vorderen Westen

Weltstar an der Geige: Tianwa Yang hat in Kassel schnell Anschluss gefunden, etwa bei ihren Nachbarn Susanne Schaeffer und Raffi Geliboluoglu, mit denen sie sich gerne und häufig austauscht. Foto: Koch

Kassel. Gewöhnlich leben Weltstars wie Tianwa Yang in New York, in Montreal oder in London.

Die hochdekorierte Geigerin - zuletzt zweimal in Folge Echo-Klassik-Preisträgerin - wird weltweit als Ausnahme-Musikerin gefeiert. Schon für zwei Jahre im Voraus ist sie für Konzerte und Auftritte ausgebucht.

Seit 2012 lebt die 28-jährige Chinesin in einer bescheidenen 70-Quadratmeter-Wohnung im Vorderen Westen. Und fühlt sich sichtlich wohl in Kassel.

Warum ausgerechnet Kassel? Weil die Stadt so verkehrsgünstig liegt? Die zierliche Frau schüttelt den Kopf. „Ganz einfach“, erzählt sie in ihrer natürlichen, freundlichen Art: Hier habe sie 2012 eine Stelle als Dozentin an der Musikakademie angetreten. Und Kassel gefalle ihr, sie habe schnell Anschluss zu netten Leuten gefunden. Beispielsweise zu ihren Nachbarn Susanne Schaeffer und Raffi Geliboluoglu. In deren Wohnung verabredet sie sich auch für das Pressegespräch. „Bei mir zu Hause sieht es chaotisch aus, überall Koffer und Klamotten“, entschuldigt sie sich.

Da sie in der Millionenstadt Peking geboren und aufgewachsen sei, genieße sie Kassels Überschaubarkeit. „Hier lässt es sich gut leben.“ Zugegeben, die Verkehrsanbindung via ICE an den Frankfurter Flughafen schätze sie. „Ich bin ja ständig unterwegs und häufig nur an drei, vier Tagen im Monat zu Hause.“ Manchmal mache sie nur zwischen zwei Konzerten Stopp in ihrer Wohnung, um die Koffer neu zu packen. Ihre Bühnen-Outfits wähle sie vor allem unter den Aspekten pflegeleicht und knitterfrei aus.

Tianwa Yangs Leben spielt sich zum Großteil in Zügen und Flugzeugen ab. Unterwegs, so verrät sie zur Verblüffung ihres Gegenübers, bereite sie sich auch auf ihre Konzerte vor: indem sie die Partituren liest und verinnerlicht. Anders als bei einem Sportler müsse sie ihre Finger nicht trainieren: „Musizieren ist vor allem Kopfsache“, sagt sie.

Ihre Begabung wurde „durch Zufall“ im Kindergarten entdeckt. Als sie vier war, stellte man dort ihr absolutes Gehör fest. Ihre Eltern, ein Kfz-Mechaniker und eine Buchhalterin, konnten sich das zur Förderung der Tochter empfohlene Klavier nicht leisten. Nur für eine Geige sei das Geld da gewesen. Eine Schicksalsverbindung, denn was Tianwa aus dem Instrument hervorzaubert - über ihre legendären Paganini-Interpretationen hinaus -, bezeichnen Kritiker als übermenschlich.

Ihre Begabung, zu memorieren und abstrakt zu denken, hatte sie früh. (Natürlich war Tianwa eine gute Mathe-Schülerin.) Dabei war sie alles andere als stets gehorsam. Sie erzählt eine Anekdote aus ihrer Kindheit, als sie - im Nebenzimmer der auf Disziplin pochende Vater - Geige spielte. Auf dem Notenpult lagen keine Noten, sondern ein Buch, in das sie verbotenerweise vertieft war. „Die Notwendigkeit von Disziplin habe ich erst später eingesehen.“ Lesen sei eine Leidenschaft geblieben, sagt sie in perfektem Deutsch. Die Sprache hatte sie schnell erlernt, nachdem sie mit 16 als DAAD-Stipendiatin an die Musikhochschule Karlsruhe gekommen war. An das erste Buch auf Deutsch erinnert sie sich gut: Es war „Das Parfum“ von Patrick Süskind.

Tianwa Yang lädt zu Festival in Kassel ein

Dass Tianwa Yang, die weltweit renommierte Geigerin, ihre Wahlheimat in Kassel gefunden hat, wird jetzt erfreuliche und weitreichende Auswirkungen für Nordhessen und seine Bevölkerung haben: Für die Zeit vom 25. bis 28. August hat die Musikerin unter dem Titel „Begegnungen“ ein Kammermusikfestival auf die Beine gestellt. Als Veranstaltungsort hat sie die Grimmwelt gewählt. Yangs Anliegen ist es, dass Konzerte auch an Orten stattfinden, „die ursprünglich nicht für Musikaufführungen gedacht sind“. Dort entfalteten sie oft einen besonderen Reiz. Im Anschluss an die Konzerte soll es bei gastronomischer Bewirtung zum Zusammentreffen von Musikern und Publikum kommen.

Es ist geplant, dass die Konzerte jährlich in wechselnder Besetzung mit hochkarätigen jungen Musikern stattfinden. Unter den Mitwirkenden in diesem Jahr ist auch Tianwa Yangs häufiger Konzertpartner am Klavier, der Brite Nicholas Rimmer. Tianwa Yang ehrenamtlich zur Seite steht ihre Nachbarin Sabine Schaeffer, eine Fachfrau, die vor ihrer Pensionierung beim Hessischen Rundfunk gearbeitet hat: „Die Idee zum Festival ist an unserem Wohnzimmertisch bei einer Tasse Tee entstanden.“ Als Partner konnten die Kasseler Musiktage gewonnen werden, die das Festival präsentieren.

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