Im Krieg zerstört und lange verschollen

Unerwarteter Fund: Alte Fenster der Friedenskirche wiederentdeckt

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Unerwarteter Fund passend zum Lutherjahr: Gemeindemitglied Oliver Doerr und die beiden Gemeindepfarrer Matthias Meißner und Carsten Köstner-Norbisrath präsentieren die Motive der historischen Lutherfenster.

Kassel. Der Fund kam völlig unerwartet - und doch ist der Zeitpunkt perfekt: Passend zum bevorstehenden Lutherjahr sind 100 Jahre alte Fenstermotive der Friedenskirche aufgetaucht.

Sie zeigen Szenen aus dem Leben Martin Luthers. Die historischen Fenster der evangelischen Kirche waren im Zweiten Weltkrieg zerstört worden und dann in Vergessenheit geraten.

Die Wiederentdeckung ist einem glücklichen Zufall zu verdanken - und einem Tipp der kirchlichen Nachbarn: Vor zwei Jahren hatte die Christuskirche in Bad Wilhelmshöhe bei Recherchen für einen Kirchenführer herausgefunden, dass einst Glaskunst der bekannten Werkstatt Linnemann aus Frankfurt die dortigen Kirchenfenster schmückte (wir berichteten). Der Kontakt zum Linnemann-Archiv sollte auch für die Gemeinde im Vorderen Westen zur Fundgrube werden. Denn aus derselben Werkstatt stammten auch die alten Fenster der Friedenskirche.

„Wir wussten zwar, dass die Kirche früher andere Fenster hatte“, sagt Pfarrer Andreas Meißner: „Wie sie aussahen, war aber bislang unbekannt.“ In den 1960er-Jahren war beim Umbau der Friedenskirche im Inneren ein Tonnengewölbe eingezogen worden, die Fenster in den Seitenschiffen wurden zugemauert. Seitdem sind die Fensternischen nur noch von außen zu sehen.

Das Geheimnis um die Motive, die einst die großen Rundbögen ausfüllten, ist nun gelüftet: Bei der Suche im Linnemann-Archiv in Frankfurt wurden farbige Entwürfe auf Karton im Originalmaßstab und alte Schwarz-Weiß-Fotos der 1918/19 angefertigten Fenster entdeckt. Warum die kunstvollen Fenster erst zehn Jahre nach Einweihung der 1908 erbauten Kirche eingebaut wurden, wisse man nicht, sagt Pfarrer Meißner. „Vielleicht musste erst Geld aufgetrieben werden.“ Bekannt ist, dass die Firma Henschel die Anschaffung der Fenster finanziell unterstützt hatte.

So muss es ausgesehen haben: In die alten Fensternischen (hier die Südseite), die heute zugemauert sind, hat Oliver Doerr die historischen Bilder montiert.

Dass das Leben Luthers auf den alten Kirchenfenstern dargestellt wurde, war zwar eine Überraschung, zugleich aber nicht verwunderlich. Die Friedenskirche war seinerzeit eine der wenigen lutherischen Kirchen im reformiert geprägten Kassel. Die Bilderserie beginnt spektakulär mit Luther im roten Flammenmeer: Die Szene zeigt, wie der Reformator die päpstliche Bannandrohung verbrennt. Weitere Motive zeigen die Bibelübersetzung auf der Wartburg, aber auch Hochzeit und das Familienleben Martin Luthers. Die volksnahe Theologie spiegele sich auch in der Bildauswahl wieder, sagt Pfarrer Meißner. Neben den Lutherbildern beeindrucken die Engel, die sich in den kleinen ovalen Seitenfenstern befanden, die heute mit schlichtem Milchglas bestückt sind.

Die ovalen Engel-Fenster.

Wie die prächtigen Fenster kaputt gingen, ist unbekannt. Vermutlich seien sie durch Bombenangriffe im Krieg zu Bruch gegangen. In einer Ausstellung in der Kirche kann man die alten Bilder ab nächster Woche neu entdecken.

Ausstellung und Vortrag 

Die Ausstellung wird am Sonntag, 6. November, 11.30 Uhr, mit einem Vortrag von Bettina Schüpke vom Linnemann-Archiv eröffnet: „Die verlorenen Glasmalereien der Friedenskirche aus dem Atelier Linnemann“. Die Ausstellung ist dienstags, mittwochs und freitags von 14.30 bis 16.30 Uhr, donnerstags 17 bis 19 Uhr und samstags 10.30 bis 12.30 Uhr geöffnet. Sie ist bis 30. Oktober 2017 zu sehen.

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