Dicke Luft im Chemieraum

Im Neubau der Heinrich-Schütz-Schule bereitet das Raumklima Probleme

Denkmalgeschützte Schule mit neuem Anbau: Seit über fünf Jahren gibt es an der Heinrich-Schütz-Schule den Malwida-von Meysenbug-Trakt (links). Hier sind vor allem die naturwissenschaftlichen Räume untergebracht. Fotos: Hein

Kassel. Dicke Luft in den naturwissenschaftlichen Räumen der Heinrich-Schütz-Schule und kein Ende: Im Jahr 2010 war der Gebäudeanbau, der neue Malwida-von-Meysenbug-Trakt, an der Heinrich-Schütz-Schule eingeweiht worden.

Architektonisch hoch gelobt, hat der langgestreckte Passivbau nur ein wesentliches Problem: In den sechs naturwissenschaftlichen Räumen, drei Klassenräumen und dem Musiksaal, die dort untergebracht sind, gibt es eine schlechte Raumluft. Das zumindest beklagt ein großer Teil der Schulgemeinde.

Im Blickpunkt der Kritik steht die Lüftungsanlage. Nachdem sie anfangs zu schwach war, sei sie jetzt so stark eingestellt, dass der Abzug für die chemikalischen Versuche in Mitleidenschaft gezogen werde, sagt Schulleiterin Dr. Ines Blumenstein. Deshalb sei es zurzeit nicht möglich, chemische Experimente zu machen, die einen Abzug erfordern.

„Bei uns haben sich immer mehr Beschwerden, vor allem Atemwegsbeschwerden, Kopfschmerzen und Stimmbandprobleme, eingeschlichen“, sagt Blumenstein. Sie wurden so massiv, dass sich zwei Chemielehrer mit Hinweis auf gesundheitliche Probleme inzwischen sogar haben versetzten lassen. Ein dritter Versetzungsantrag liege vor.

„Seit drei Jahren beschäftigen wir uns während jeder Elternbeiratssitzung mit dem Thema Klima in den naturwissenschaftlichen Räumen“, sagt HSS-Elternsprecherin Tanja Schöttner. Besonders besorgt sind die Eltern darüber, dass kürzlich eine 10. Klässlerin, die im Chemieraum immer wieder über Kopfeschmerzen geklagt hatte, in Ohnmacht gefallen ist und der Notarzt kommen musste. Schöttner: „Wenn sich Menschen in den Räumen unwohl fühlen, muss man etwas dagegen unternehmen.“

Das genau ist der springende Punkt. Seit Jahren sind diverse Institutionen, vor allem aber der Schulträger damit beschäftigt, nach den Ursachen für die vermeintlich schlechte Luft zu suchen und Abhilfe zu schaffen. Untersuchung auf Schadstoffe seien negativ ausgefallen. Insgesamt wurde der Neubau auf 58 000 Stoffe untersucht. Dagegen ist die Luftfeuchtigkeit nach Messungen, die die Schule vorgenommen hat, zum Teil extrem niedrig. Sie kann im Winter bei unter 20 Prozent liegen, so Blumenstein. In Niedersachsen sei ein Richtwert in Schulen von mindestens 40 Prozent festgelegt.

Sie hat nur einen Wunsch: „Wir benötigen in den Chemieräumen große Fenster, die sich öffnen lassen, um lüften zu können.“ Die sind nämlich in dem Passivhaus, das vor allem Energie sparen soll, nicht vorgesehen. Nach den zurückliegenden Protesten gibt es seit Februar zusätzlich zu den bereits vorhandenen raumhohen schmalen Klappen, die sich schlitzbreit außen öffnen lassen, in einem Raum eine zweite Klappe. „Mit diesem Alibifenster können wir nichts anfangen“, so Blumenstein, das bringt uns nicht den gewünschten Effekt.

„Es ist richtig, da gab es Mängel“, sagt Hochbauamtsleiter Axel Jäger zu den Klagen über den Neubautrakt an der HSS. Er spricht von einem „ehrgeizigen Energiekonzept“, das seine Tücken hatte. Doch die seien inzwischen behoben worden. Allen Kritikpunkten sei sorgfältig nachgegangen worden.

Beispielsweise sei der Präsenzmelder der Lüftungsanlage fehlerhaft gewesen. Er sollte eigentlich wie ein Bewegungsmelder funktionieren und die Lüftungsanlage anwerfen, sobald Menschen im Raum sind. Weil das nicht zufriedenstellend geklappt habe, läuft die Anlage jetzt während der gesamten Schulzeit durch. Inzwischen werde die Raumluft drei mal in der Stunde ausgetauscht. Dieser Luftwechsel ist besser und kontrollierter als im konventionell über Fenster belüfteten Gebäude. Die Anlage ist technisch und hygienisch in einwandfreiem Zustand, ihre Kapazität ausreichend, sagt Jäger.

Auch die in Bodennähe angebrachten Thermostate für die Heizung waren insofern kontraproduktiv, weil sie die Räume ständig leicht überheizten. Dieses Problem sei abgestellt, so Jäger: „Im Nachhinein war die Kritik berechnet. Und ich bin froh, dass wir die Ursachen abstellen konnten.“ Zu dem Wunsch nach Fenstern, die sich öffnen lassen, sagt er: „Wir müssten für 200 000 Euro die ganze Fassade umbauen. “ Das sei zu kostenintensiv. Zu den anhaltenden Klagen sagt er: „Wir bleiben im Kontakt mit der Schule und müssen das weiter beobachten.“ Jäger ist der Ansicht, dass Fenster zum Lüften nicht notwendig sind, sondern die raumhohen Lüftungsflügel ausreichen. Sie könnten übrigens auch ganz geöffnet werden.

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