Goße Felsenkelleranlage

Riesiges, altes Gewölbe unter Kassel lange vergessen

In der Tiefe: In den Gewölbekellern unter dem Bürokomplex sind die Eisschächte gut erkennbar. Marko Stumpf, Abteilungsleiter Sachversicherungen beim „Versicherer im Raum der Kirchen“, steht dort, wo früher das Eis für die Bierfässer lagerte. Fotos: Ludwig

Kassel. Ab 1850 wurden in der Nähe der heutigen Martini-Brauerei Stollen in den Kratzenberg getrieben, um dort Bier zu lagern. Das größte Kellersystem dort liegt unter dem Gebäude der „Versicherer im Raum der Kirchen“ (Bruderhilfe) an der Kölnischen Straße. Wir stiegen hinab. 

Der Kratzenberg ist ein Muschelkalkbergrücken, der sich längs der Bahnanlagen am Hauptbahnhof und parallel zur Kölnischen Straße erstreckt. An der Kölnischen Straße 110 begann der Bierbrauer Johann Carl FriedrichHanusch 1852 die weit verzweigte Anlage in den Kalkfels zu treiben. Ab 1860 wurde sie durch die benachbarte Brauerei Losch erweitert, berichtet Bernd Tappenbeck vom Verein Vikonauten. Dieser erforscht seit Jahren die Kasseler Unterwelt.

Heute geht es unter einer Luke im Hof des Bürokomplexes über eine Leiter in die Tiefe. Unten angekommen eröffnet sich ein Stollengeflecht, das bei den Bauarbeiten der Versicherung 1988 wiederentdeckt wurde. Nach dem Krieg war die Anlage, die bis in 13 Meter Tiefe reicht, verschlossen worden. Mit den Jahren geriet sie in Vergessenheit.

Eisschacht für Bierfässer

In der Mitte der Gewölbe verläuft jeweils ein Eisschacht. In diesem befand sich das Eis, um die Bierfässer zu kühlen. Durch senkrechte Schächte, die heute verschlossen sind, wurde das Eis von oben in die Tiefe geworfen.

Noch tiefer: Innerhalb der Gewölbekelleranlage gibt es auch mehrere Treppen zu überwinden. Bis in 13 Meter Tiefe geht es.

Bei Untersuchungen in den 1980er-Jahren waren Marburger Historiker auf die Ursprünge des Kellers gestoßen. Ab 1850 waren im Bereich der Kölnischen Straße mehrere Bierbrauer ansässig.Einige schlossen sich später zur Herkues-Brauerei (später Binding) zusammen, die an die Hafenstraße umzog. Von ihnen sind Bauanträge und Pläne für den Bau der Stollen erhalten. Bereits 1822 wandten sich die Kasseler Brauer an die Regierung und forderten größere Keller. Denn mit den steigenden Ansprüchen an den Gerstensaft, mussten kühle Lagerungsstätten her.

Zunächst wurden diese ab 1825 im Kasseler Weinberg geschaffen, später auch im Westen und Norden der Stadt. Die erste Genehmigung für den Bau eines Stollens an der Kölnischen Straße datiert auf das Jahr 1846. In den 1860er-Jahren wurde die Anlage unter dem heutigen Bürogebäude noch einmal deutlich erweitert. Als die Versicherung 1988 baute, mussten aus statischen Gründen Stützen in das Gewölbe getrieben werden.

Wie lange die Bierkeller als solche genutzt wurden, ist nicht bekannt. Die Historiker gehen aber davon aus, dass sie mit der Erfindung der elektrischen Kühlung ab Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr benötigt wurden. Im Krieg wurden die Anlage zwischenzeitlich als Bunker genutzt.

Historisches Gewölbe in Kassel unter Kölnischer Straße

Ein alter HNA-Leser erinnert sich, dass in der Nachkriegszeit der Kfz-Schlosser Al win Wolke die Gewölbe für seine Werkstatt nutzte. Tatsächlich finden sich noch viele automobile Relikte in den Kellern: Darunter ein uralter Kühlergrill, verostete Benzintanks und ein großer Berg mit Reifen des US-Militärs.

Die Vikonauten wollen die Gewölbe nun weiter erforschen. Weil viele Gänge beim Bau der Versicherung zugemauert wurden, gehen sie davon aus, dass die Außmaße der Anlage noch größer sind als bisher erahnbar.

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