Perfektes Spiel mit Emotionen

Wunderheilermesse: Besucher feierten Propagandisten des Mittels MMS

Die Lichtgestalt der Szene: MMS-„Bischof“ Jim Humble, ein früherer US-Scientologe, der nun seine eigene Scheinkirche betreibt. Der Jim-Humble-Verlag mit Sitz in den Niederlanden hatte die Messe im Kongress-Palais organisiert. Foto:  Konrad

Kassel. Die junge Frau auf der Bühne weint, erzählt, dass das Präparat MMS ihrem autistischen Sohn geholfen habe. Sie umarmt den blonden Mann, der neben ihr steht.

Auch er ist zu Tränen gerührt. Es ist Andreas Ludwig Kalcker.

Bei der umstrittenen Wunderheilermesse „Spirit of Health“ preist er im fast vollbesetzten Saal der Stadthalle die angeblichen Wirkungen von MMS an, einer Substanz, die durch das Mischen von Natriumchlorit und Säure entsteht. Das Mittel, nichts anderes als ätzende Chlorbleiche, soll in der Lage sein, Erkrankungen wie Autismus, Mukoviszidose und sogar Krebs und Aids zu heilen. Behörden warnen vor MMS und bezeichnen es als gesundheitsgefährlich.

Kalcker, über dessen Biografie nicht allzu viel bekannt ist, zeigt E-Mails von Menschen, bei denen das Präparat die erwähnten Leiden geheilt habe. Und Dokumente, die das angeblich beweisen. Wissenschaftlich fundierte Belege präsentiert er nicht - es gibt sie schlichtweg nicht.

Von der Wirksamkeit sind die Zuhörer des MMS-Propagandisten aber überzeugt. Sie applaudieren frenetisch, einige reißen die Arme nach oben. Kalcker faltet die Hände wie ein Prediger, verneigt sich vor dem Publikum. Das Spiel mit Emotionen beherrscht er perfekt. Er ist rhetorisch gewandt, jede Geste wirkt wohl kalkuliert.

„Kann MMS alles heilen?“, fragt er. „Natürlich nicht“, antwortet er selbst, „zum Beispiel nicht Dummheit.“ Es ist ein Seitenhieb auf die, die das Mittel kritisch sehen. Bei seinen Anhängern kommen solche Platitüden an. Sie lachen und applaudieren.

Die Schulmedizin stellt er als Feind vor. „Wir müssen die Matrix, das System, ändern“, ruft er seinen Anhängern zu - immer wieder. Er ballt beide Hände zur Faust, wie eine Siegesgeste.

Kalckers Vortrag zählt zum Höhepunkt des dreitägigen Kongresses der Selbstheiler und Wundermittel-Propagandisten, für den die Stadt Kassel ihr Kongress-Palais vermietet hat.

Kalcker räumt ein, in Sachen MMS müsse noch viel geforscht werden - und zwar von ihm und seinem Umfeld. Er wirbt dafür, in Stiftungen Geld dafür bereitzustellen. Er forsche völlig uneigennützig, betont er und schiebt nach: „Ich würde lieber mit einem Wohnmobil um die Welt ziehen.“ Für professionelle Einwände sei er dankbar, er werde sie gerne entkräften. Das muss er in der Stadthalle nicht. Es kommen keine Einwände.

Parallel zu den Vorträgen werden im Stadthallenfoyer Bücher aus dem Jim-Humble-Verlag ausgestellt, darunter auch einige von Kalcker. Sie sind trotz genauer Preisangaben nur „gegen eine Spende“ erhältlich.

Es gibt dort auch Gerätschaften wie einen Plasma-Generator, der mittels „Frequenz-Therapie“ Heilung verspricht, Und obskure Gestalten - etwa einen Automechaniker, der nur mit einem Fell-Imitat um Schulter und Lende bekleidet Hilfe beim Wiederfinden der eigenen Gesundheit anbietet.

Stadt verhängt Bußgeld gegen neun Messe-Händler 

Bei der Messe „Spirit of Health“ im Kongress-Palais waren am Wochenende auch Kontrolleure des städtischen Ordnungs- und des Gesundheitsamts unterwegs. Dabei wurden nach Angaben von Rathaussprecher Ingo Happel-Emrich gewerberechtliche Verstöße an den meisten Verkaufsständen für esoterische Produkte festgestellt. Dies werde mit Geldbußen geahndet.

Inwieweit die Kontrolleure einen Ansatz sehen, gegen die bei der Messe betriebene Werbung für das „Wundermittel“ MMS vorzugehen, dazu machte die Stadt keine Angaben. Das Gesundheitsamt werde einen Bericht seiner Beobachtungen an das Regierungspräsidium Darmstadt senden, wo die hessenweite Zuständigkeit für das Arzneimittel- und das Heilmittelwerbegesetz liege, sagte Happel-Emrich. Das RP müsse dann „in eigener Zuständig prüfen und entscheiden, ob es tätig werden muss“.

Zu Messebeginn am Freitag waren laut Happel-Emrich im Foyer der Stadthalle 16 Stände aufgestellt, „an denen Bücher, Öle, Amulette und ähnliche Dinge zum Verkauf angeboten wurden“. Mitarbeiter des Ordnungsamtes hätten sich dafür interessiert, „ob die Standbetreiber über eine Verkaufserlaubnis beziehungsweise einen Reisegewerbeschein verfügen“. Bei neun Händlern sei dies nicht der Fall gewesen.

„Ihnen wurde mit sofortiger Wirkung ein Verkaufsverbot ausgesprochen“, sagte der Stadtsprecher. .Der Verkauf ohne Genehmigung sei eine Ordnungswidrigkeit, die mit bis zu 5000 Euro Geldbuße geahndet werden könne. Die Stadt werde entsprechende Verfahren einleiten.

Von Mirko Konrad und Axel Schwarz

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