Reaktionen auf Kriegsfund - Amis zerstörten ihre Flugzeuge

HNA-Leser klären Geschichte des geborgenen Flügels eines US-Jägers auf

Wrackteil: Der in Waldau gefundene Flügel einer P-38 Lightning

Kassel. Das Rätsel scheint gelöst: Dank vieler Hinweise von HNA-Lesern konnte die Herkunft eines in Waldau geborgenen Flügels eines US-Kampfflugzeuges weitestgehend geklärt werden.

Wie berichtet, wurde das Wrackteil einer Lockheed P-38 Lightning bei Bauarbeiten im Erdboden entdeckt. Der Fundort liegt nahe dem ehemaligen Flughafen Kassel-Waldau. Etliche Zeitzeugen haben sich unabhängig voneinander bei der HNA gemeldet und berichtet, wie die Amerikaner kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs viele ihrer und auch deutsche Flugzeuge am ehemaligen Flughafen zerstörten.

Zudem wurde beobachtet, dass Amis die Wrackteile anschließend in die Bombenkrater rund um den Flughafen geworfen und diese zugeschüttet haben.

Dies haben die Zeitzeugen geschildert: 

Zur Nazizeit: Eine Foto aus der Zeit, als die deutsche Luftwaffe den Flughafen Waldau nutzte.

Karl-Heinz Faulstich (86) aus Lohfelden: „Nach Kriegsende, ich war damals 14, bin ich mit anderen Jugendlichen am Flughafenherumgestrolcht. Da standen Unmengen von Jägern - von den Amis und den Deutschen. Jeder von uns Jungs hat versucht, was aus den Flugzeugen zu klauen.

Ich wollte unbedingt ein Funkgerät ausbauen, was aber nicht geklappt hatte. Nach ein paar Wochen hatten die Amis alle Flugzeuge kaputtgemacht. Die haben die in eine Reihe gestellt und sind mit dem Panzer über die Hecks gefahren.“

Ingrid Günther (86), Fuldabrück-Bergshausen: „Mein verstorbener Mann Helmuth war als Jugendlicher oft am Flughafen unterwegs. Immer wieder hat er die Geschichte erzählt, wie die Amerikaner mit einem Panzer über eine ganze Reihe von Flugzeugen gefahren sind. Das hat ihn sehr empört.“

Fred Eichholz (81), Kassel:  „Als Jungs haben wir nach Kriegsende auf dem Flughafen rumgelungert. Das war für uns ein Abenteuerspielplatz. Da stand eine ganze Reihe von Flugzeugen, die defekt waren - auch deutsche Messerschmitt Me 209. Ich habe beobachtet, wie die Amis die Flieger demontiert und zu den Bombentrichtern gefahren haben. Die wollten ihre Jagdflugzeuge nicht mehr zurückführen. Das wäre wohl zu teuer gewesen.

Einmal bin ich in die Kanzel einer amerikanischen Corsair gestiegen, die verschrottet werden sollte. Ich wollte mir eine Uhr ausbauen, musste aber feststellen, dass mein deutsches Werkzeug nicht passte.

Attraktion für die Kasseler: Am 30. Juli 1939 landete das Luftschiff „Graf Zeppelin LZ130“ auf dem Waldauer Flughafen. Bereits neun Jahre zuvor war ein Vorgänger zu Gast in Kassel.

So lernte ich den Unterschied zwischen Inch und Zoll kennen. Auch steckte ich plötzlich in der Kanzel fest. Schließlich kam eine US-Patrouille auf einem Indian-Motorrad vorbei. Da haben meine Kumpels und ich den Hintern voll bekommen, weil wir uns in der Sperrzone aufhielten. Kurz darauf kamen die Soldaten zurück und brachten uns ein Paket mit Schokolade - wohl als Entschuldigung.

Etwa 1947 oder 1948 waren viele Schrotthändler am Flughafen unterwegs. Die holten sich die vergrabenen Teile aus den Bombenkratern. Dabei sind manche reich geworden.“

Hildegard Seifert (89), Dörnhagen: „Ich habe von 1943 bis 1945 auf dem Flughafen für die Flugzeugfirma Fieseler im Büro gearbeitet. Wir sind mehrfach bombardiert worden, aber ich habe nie erlebt, dass in der Nähe des Flughafens ein amerikanisches Flugzeug abgeschossen wurde. So etwas hätte doch sofort die Runde gemacht. Ich denke eher, dass das Wrack aus der Zeit stammt, als die Amerikaner den Flughafen übernommen hatten.“

Kein Zutritt: Nachdem die Amerikaner den Flughafen Kassel-Waldau im April 1945 eingenommen hatten, wurde er zur Sperrzone. Nach zehnjähriger Nutzung durch das US-Militär wurde er 1955 für die Privatfliegerei wieder freigegeben.

Gisela Henkel (89), Jesberg-Reptich: Frau Henkel ist die Einzige, die auch von einem Abschuss in der Nähe des Flughafens berichtet. „In den Kriegsjahren, ich glaube, es war vor dem großen Bombenangriff imOktober 1943, war ich mit einem Pferdefuhrwerk auf dem Langen Feld unterwegs. Damals wohnte ich bei der Neuen Mühle. Plötzlich war Fliegeralarm und ich sah einen einzelnen Flieger. Da es Tag war und die Amerikaner im Gegensatz zu den Briten nur bei Tageslicht Angriffe flogen, muss es eine amerikanische Maschine gewesen sein. Plötzlich eröffnete die Flak, die auf dem Langen Feld stationiert war, das Feuer.

Sie traf das Flugzeug und es ging senkrecht im Bereich des Flughafens Waldau zu Boden. Von der Anhöhe hatte man einen guten Blick über die Fulda nach Waldau.“

Hintergrund: Im April 1945 von Amerikanern besetzt

Der Flughafen Kassel-Waldau wurde 1924 auf dem heutigen Gelände des Industrieparks Waldau gegründet. Bereits ab 1926 wurde Kassel von den Linienflügen der Junkers Luftverkehr AG und der gerade

gegründeten Lufthansa angesteuert. Mit Prag und Amsterdam gab es sogar internationale Verbindungen. Kurz darauf eröffneten die Fieseler Flugzeugwerke am Flughafen. In der Wirtschaftskrise 1930 wurde der Linienbetrieb eingestellt. Im April 1945 wurde der Flughafen von den US-Streitkräften erobert und als „Airfield Kassel-Waldau Y-96“ geführt. Bis 1955 blieb der Flughafen Sperrzone der Amis. Anschließend wurde er noch bis 1970 für den zivilen Luftverkehr genutzt. Diese Funktion übernahm ab 1970 der neue Flughafen Kassel-Calden. Der Flughafen in Waldau wurde in den Industriepark Kassel-Waldau umgewandelt. 1985 wurde die Start- und Landebahn zurückgebaut.

Wrackteil aus Zweitem Weltkrieg entdeckt

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