Arzt wirft Ordnungsamt Untätigkeit vor

Ärger über Trinkerszene in Wehlheiden: "Das ist ein Schandplatz"

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Ärgernis für Anwohner: Auch im vergangenen Herbst hatten sich etliche Kasseler über das Internet zum Trinken auf dem Wehlheider Platz verabredet.

Wehlheiden. „Man fühlt sich hier nicht mehr wohl. Außer freitags, wenn der Wochenmarkt stattfindet“, sagt Dr. Karsten Diehls. Der 48-Jährige praktiziert seit acht Jahren in einer Gemeinschaftspraxis am Wehlheider Platz.

Wenn er aus dem Fenster schaut, dann blicke er sehr oft auf Frauen und Männer, die auf dem Platz Bier trinken, mit Drogen handelten und diese dort konsumierten, Passanten anpöbelten und in die Blumenbeete pinkelten. „Wenn sie dabei zusehen müssen, dann ist das ein No-Go“, sagt Diehls.

„Wenn unsere Kunden im Sommer draußen sitzen, ist es oft nicht so schön, wenn die Leute auf dem Platz nicht die Toilette benutzen“, sagt eine Gewerbetreibende. Sie und ihre Kolleginnen versuchten schon, mit den Leuten aus der Szene zu reden. Oft funktioniere das auch. Je höher allerdings der Alkoholpegel der Betroffenen werde, desto lauter werde es auf dem Platz, sagt die Frau.

Nachdem sich vor zwei Jahren mehrere Anlieger bei der Stadt über den Zustand auf dem Platz beschwert hätten, habe es verstärkt Kontrollen durch das Ordnungsamt gegeben, sagt die Frau. Die Stadt habe allerdings in einem Brief geschrieben, dass man kaum eine Handhabe gegen die Leute habe.

Ärgert sich über die Trinkerszene auf dem Wehlheider Platz: Wenn Dr. Karsten Diehls aus seinem Fenster schaut, sieht er oft Menschen, die wild urinieren oder mit Drogen handeln. Nur freitags sei alles in Ordnung, wenn der Markt stattfindet.

Mediziner Diehls vertritt indes die Ansicht, dass das Ordnungsamt an dieser Stelle versagt. „Der Zustand auf dem Wehlheider Platz wird einfach toleriert.“ Und es werde immer schlimmer. Ein Patient, der in der Bankfiliale am Platz Geld abgehoben habe, sei dabei offenbar beobachtet und kurze Zeit später niedergeschlagen worden. Auch innerhalb der Trinkerszene komme es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Diehls fragt sich zum Beispiel, warum hier ungestraft Flaschen auf Fußwege und Hecken geworfen werden dürfen und wieso Menschen hier ungestraft in Hecken und auf Parkplatzmauern urinieren dürften.

Ingo Happel-Emrich, Sprecher der Stadt, weist die Kritik des Arztes am Ordnungsamt zurück. Der Wehlheider Platz sei ein Kontrollschwerpunkt des Außendienstes des Ordnungsamtes. Dort werde regelmäßig und anlassbezogen kontrolliert.

Eine anlassbezogene Kontrolle habe dort zum Beispiel anlässlich einer per Facebook-Aufruf gestarteten Aktion „Nörten saufen am Eck“ im Spätsommer 2015 stattgefunden. Damals trafen sich 250, um gemeinsam Bier zu trinken. Dabei wurden 15 Verwarnungen mit jeweils 30 Euro Verwarngeld wegen wilden Urinierens durch den Außendienst Stadtgebiet ausgesprochen, sagt Happel-Emrich. Auch die Trinkerszene nahm an dieser Veranstaltung teil und zeigte sich von dem Massenbesäufnis damals begeistert. Der Wehlheider Platz sei das Wohnzimmer der Szene, sagte ein Mann im September gegenüber der HNA.

Mediziner Diehls wäre froh, wenn sich an diesem Zustand etwas ändert. Es sei Aufgabe der Stadt, etwas zu unternehmen. Ob nun mithilfe von Trinkverboten, Videoüberwachung oder Sozialarbeitern.

Das sagt die Polizei: Nehmen die Sorgen ernst

Der Kasseler Polizei sei bekannt, dass sich auf dem Wehlheider Platz die Trinkerszene regelmäßig trifft, sagt Sprecher Matthias Mänz. „Allerdings liegen uns keine Anzeigen oder Beschwerden wegen des Handelns mit illegalen Drogen vor.“ Die Polizei nehme die Sorgen der Bürger aber ernst und habe ein besonderes Augenmerk auf die Szene. Mänz erinnert an einen Einsatz Ende Januar. Vor rund fünf Wochen war der Streit um eine Frau in der Trinkerszene auf dem Wehlheider Platz in einer blutigen Auseinandersetzung eskaliert. Ein 32-jähriger Mann hatte seinen 34-jährigen Rivalen mit einem Messer am Rücken und an der Hand verletzt.

Hintergrund: Mehrere Hundert Verwarnungen

Wildes Urinieren ist als Belästigung der Allgemeinheit zu werten und stellt eine Ordnungswidrigkeit nach § 118 des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten (OWiG) dar. Derartige unerlaubte Handlungen können mit Verwarnungen (mit oder ohne Verwarngeld bis 55 Euro) oder mit Geldbuße bis 1000 Euro geahndet werden.

Nach Angaben von Ingo Happel-Emrich, Sprecher der Stadt, wurden im vergangenen Jahr in Kassel durch den Außendienst des Ordnungsamtes im Zuge von Kontrollen mehrere Hundert Verwarnungen wegen wilden Urinierens (mit oder ohne Verwarngeld) ausgesprochen.

Außerdem wurden 33 Bußgeldverfahren wegen wilden Urinierens geführt. Beim Erstverstoß werden grundsätzlich 50 Euro Geldbuße zuzüglich 28,50 Euro Verwaltungsgebühren berechnet.

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