Individuelle Überwachung der Ex-Häftlinge

Freie Sexualstraftäter in Nordhessen sind immer im Visier

Kassel. 50 Sexualstraftäter sind in Nordhessen auf freiem Fuß. Viele der Täter werden nach Verbüßung eines Teils der verhängten Strafe nach Kassel-Wehlheiden verlegt.

Dort befindet sich die Sozialtherapeutische Anstalt (SothA).

Es handelt sich um Verurteilte, die nicht selten wegen ihrer Straftat den Kontakt zur eigenen Familie verloren haben. Zum Ende der Haft bekommen auch diese Täter Vollzugslockerungen: So haben sie zum Beispiel Ausgang. Bei solchen Gelegenheiten lernen sie Kassel kennen. Wenn sie dann entlassen werden, entscheiden sich viele, hier zu bleiben.

Das ist nach Angaben von Oberstaatsanwältin Andrea Boesken ein Grund dafür, dass in Nordhessen vergleichsweise viele Sexualstraftäter leben, die als rückfallgefährdet eingestuft werden. Von den 50 leben 34 in Stadt und Landkreis Kassel.

Ein weiterer Grund für die wachsende Zahl ist laut Boesken auch ein verändertes Anzeigeverhalten. Früher seien viele Sexualstraftaten totgeschwiegen worden, heute seien die Menschen sensibilisiert. Das führe auch zu mehr Verurteilungen in diesem Bereich.

Andrea Boesken

Hinzu komme, dass die Gerichte aufgrund der Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte weniger Sicherungsverwahrungen gegen Sexualstraftäter verhängen könnten. Der Gerichtshof hatte 2010 entschieden, dass eine nach Verbüßung der Strafe nachträglich angeordnete Sicherungsverwahrung eine Menschenrechtsverletzung darstellt. Daraufhin waren Sexualstraftäter, die noch als gefährlich galten, ihre Strafe aber bereits verbüßt hatten, entlassen worden.

An diesem Punkt soll die Konzeption der „Zentralstelle zur Überwachung rückfallgefährdeter Sexualstraftäter“ (ZÜRS) greifen, sagt Boesken. Es handelt sich um Täter, die ihre Strafe bis zum Ende abgesessen haben, bei denen also nicht ein Teil der Strafe zur Bewährung ausgesetzt wurde und die nach der Entlassung unter die gesetzlich vorgeschriebene Führungsaufsicht des Landgerichts gestellt werden. Für jeden Betroffenen gebe es ein individuelles Überwachungskonzept. Nicht jeder werde observiert, so Boesken. Manche bekämen unerwartet Besuch von der Polizei, die zum Beispiel je nach Einzelfall und auch meist mit Einverständnis der Betroffenen die Computer und Handys der Verurteilten einsehen könnten.

Die Überwachung durch ZÜRS erfolge nicht nur zum Schutz der Bevölkerung, sondern sei auch oft im Interesse der Verurteilten selbst, so die Oberstaatsanwältin. Diese hätten einen weiteren Ansprechpartner und da sie wissen, dass sie weiterhin im Visier der Polizei stehen, würden manche der Versuchung, rückfällig zu werden, eher widerstehen.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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