Zick-Zack-Kurs zu Weihnachten in städtischen Kitas

Die Pressestelle der Stadt Kassel und ihre eigene Wahrheit - eine Dokumentation

Kassel. Die Stadt Kassel sorgte am Freitagabend um 21.30 Uhr für eine Überraschung: Zu dieser Zeit schrieb sie auf HNA.de in einem Kommentar, dass unser Bericht, wonach es kein Weihnachtsfest in der Sara-Nussbaum-Kindertagesstätte gebe, falsch sei.

Dazu gab es einen Link zur Internetseite der Stadt. Dort ist ein Interview mit der zuständigen Dezernentin Anne Janz (Grüne) zu lesen, in der sie diese Behauptung aufstellt.

Im Folgenden dokumentieren wir unsere Recherche und die Antworten der Stadt. Sie werfen ein Licht darauf, wie die Stadt mit der Wahrheit umgeht und wie die Informationspolitik aussieht.

Im Laufe der Woche meldeten sich bei der HNA Eltern, die ihre Kinder in der Sara-Nussbau-Kita haben. Ihr Vorwurf: Es finde aus Rücksicht auf Kinder mit anderem Glauben kein Weihnachtsfest in der Kita statt. Die Vorwürfe belegen die Eltern mit Gesprächen mit Erziehern und eigenen Nachfragen im Kindergarten.

Wir rufen am Mittwoch die Pressestelle der Stadt an, schildern die Vorwürfe der Eltern und bitten um Auskunft. Antwort: Da es sich um ein schwieriges Thema handele, brauche man Zeit. Es meldet sich schließlich Stadtpressesprecher Ingo Happel-Emrich. Seine Auskunft: Üblicherweise würde in städtischen Kitas Weihnachten gefeiert.

Wir geben uns mit dieser Auskunft nicht zufrieden und fragen, wie es konkret in der Sara-Nussbaum-Kita ist. Wir versuchen, den Kita-Leiter selbst zu sprechen. Von dort gibt es keine Antwort.

Stadt-Pressesprecher Ingo Happel-Emrich

Antwort der Stadt: Man werde noch mal nachfragen. Am Abend meldet sich Happel-Emrich noch einmal: Ja, es stimme, es würde kein Weihnachtsfest stattfinden. Die Stadt werde der Kita nun die Anweisung geben, dass das Weihnachtsfest stattfinden solle. Wir erklären, dass wir erst am Freitag berichten werden. Man könne am Donnerstag also noch mal über die Sache reden.

Donnerstag: Rückzieher der Stadt. Ingo Happel-Emrich erklärt nun, dass es im Kindergarten doch zumindest weihnachtliche Elemente wie Plätzchenbacken gebe. Eine richtige Feier des Weihnachtsfestes gebe es aber nicht. Die Anweisung der Stadt an die Kita werde gleichwohl zurückgezogen.

Freitag: Der erste Bericht erscheint. Die Empörung der Leser ist groß. Die katholische Kirche meldet sich und beklagt, dass christliche Werte in den Kitas der Stadt zu kurz kommen.

Sozialdezernentin Anne Janz.

Wir recherchieren weiter, machen eine Reportage über einen katholischen Kindergarten, in den 90 Kinder aus 28 Nationen gehen, davon sechs deutsche. Dort wird Weihnachten ohne Probleme gefeiert. Wir fragen zudem bei der Stadt, ob wir zum Thema ein Interview mit der zuständigen Dezernentin Anne Janz machen können. Das wird schließlich zugesagt. Das Interview wird von Anne Janz autorisiert und am Samstag in der gedruckten Ausgabe der HNA erscheinen.

Die Empörung der Leser schlägt derweil am Freitag weiter hohe Wellen. Dann die Überraschung: Um 21.30 Uhr besagter Kommentar der Stadt auf HNA.de. Anne Janz sagt in dem Interview der Stadt ganz andere Sachen als im HNA-Interview, das sie zuvor autorisiert hat. Zum Beispiel: Dass sie nun mit der Kita über das Thema reden wolle. Im Interview der Stadt behauptet sie, die HNA-Berichterstattung sei falsch.

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