Experte für den Bombenkrieg wurde 88 Jahre alt

Kasseler Autor Werner Dettmar gestorben

Sein wichtigstes Werk: Werner Dettmar ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Das Foto mit dem Buch zur Bombennacht entstand zu seinem 80 Geburtstag. Archivfoto: Koch

Kassel. Die Zerstörung Kassels in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 hat ihn ein Leben lang beschäftigt. Seine Bücher über den Luftkrieg und die Auswirkungen auf seine Heimatstadt sind Meilensteine der Verarbeitung der Schrecken des Krieges.

Im Alter von 88 Jahren ist Werner Dettmar am vergangenen Wochenende gestorben. Von einer schweren Operation hat er sich nicht mehr erholt. Er hinterlässt seine Frau, eine Tochter und zwei Enkelkinder.

20 Jahre lang hat er in englischen und amerikanischen Archiven geforscht, mit Zeitzeugen gesprochen und so die Geschichte des Luftkriegs aufgearbeitet. Das half ihm, einen Albtraum loszuwerden, der ihn lange verfolgte: Fliegeralarm, die Flucht in den Keller, immer tiefer. Und plötzlich die erschreckende Gewissheit, dass man den herabfallenden Bomben doch schutzlos ausgeliefert ist. Nacht für Nacht. Als Jugendlicher hat er das erlebt.

Wenn wir heute wissen, von wo die britischen Bomber 1943 gestartet sind, welchen Auftrag sie hatten, dass sie in kurzer Zeit 400.000 Stabbrandbomben, 1000 Luftminen und Sprengbomben sowie 19.300 Flüssigkeitsbrandbomben abwarfen, dann ist das der akribischen Arbeit von Werner Dettmar zu verdanken. Damit hat er seine Erlebnisse im Krieg und auch danach verarbeitet. Dazu gehört der frühe Tod seines Vaters, der 1946 starb. Wilhelm Dettmar war Leiter des Kasseler Luftschutzwarnkommandos und stand unter Dauerstress. Bei zu frühem Alarm drohte ihm wegen Ausfällen in der Rüstungsproduktion das Kriegsgericht. Eine zu späte Warnung kostete womöglich Menschenleben. Er starb mit 49 Jahren an einem Herzinfarkt.

Als 16-Jähriger Luftwaffenhelfer hat Werner Dettmar die Bombennacht überlebt. Ein Jahr danach wurde er von einem Granatsplitter schwer am Kopf verletzt. Die letzten Monate des Krieges verbrachte er im Lazarett. Im zerstörten Kassel machte er Abitur und begann eine Ausbildung in der Verwaltung. Zuletzt arbeitete er im Kulturamt.

Bei den Recherchen zu seinen Büchern kam er auch mit einem ehemaligen britischen Bomberpiloten ins Gespräch. Der berichtete ihm, wie viel Angst er vor dem Flakbeschuss von unten hatte. Vor halbwüchsigen Jungs, die wie Werner Dettmar als Flakhelfer eingezogen wurden. „Wir haben nachts auf die Engländer geschossen und am nächsten Morgen in der Schule Shakespeare gelesen - was für ein Irrsinn“, beschrieb Werner Dettmar die Situation viele Jahre später.

Für seine hoch gelobten Publikationen wurde Werner Dettmar mit der Stadtmedaille ausgezeichnet. Ihm ist es zu verdanken, dass das Modell der zerstörten Stadt ausgestellt wurde. Im neu gestalteten Stadtmuseum kann man es bald wieder sehen.

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