Interview: Expertin über die Bedeutung von Weihnachten in Kindergärten

Kassel. In der städtischen Kindertagesstätte „Sara-Nussbaum-Haus“ an der Unteren Königsstraße (Wesertor) wird Weihnachten nicht richtig gefeiert. Damit will die Einrichtungsleitung den unterschiedlichen Kulturen der dort betreuten Kinder Rechnung tragen. Wir sprachen darüber mit Antje Proetel, die den Dachverband der freien Kindertagesstätten (Dakits) leitet, zu dem fast 50 Kitas in der Stadt gehören.

In freien Kitas und kirchlichen Einrichtungen werden mehr Kinder in Kassel betreut als in den städtischen Kitas.

Ist die Entscheidung dieser städtischen Kita richtig?

Antje Proetel: Auf keinen Fall sollte eine Kita auf das Weihnachtsfest verzichten. Es geht hier um deutsche Kitas und wir pflegen bestimmte Rituale. Dazu gehört es auch, Weihnachtslieder zu singen und die Weihnachtszeit zu thematisieren. Als Dachorganisation der freien Kindertagsstätten sind bei uns zwar nur wenige Kitas mit explizit christlicher Ausrichtung organisiert, dennoch spielt Weihnachten in unseren Kitas eine Rolle.

Die Kita-Leitung wollte mit der Entscheidung offenbar einem Konflikt mit den Eltern von Kindern anderer Kulturen aus dem Weg gehen. Ist das nachvollziehbar?

Proetel: Ich sehe da per se keinen Konflikt. In unserer Kultur gehört Weihnachten dazu. Das schließt ja nicht aus, dass wir ein großes Interesse an Kindern aus anderen Kulturen haben. Diese können ihre Rituale auch gerne mit Stolz in den Kindertagesstätten präsentieren. So können zum Beispiel Speisen aus den verschiedenen Herkunftsländern mitgebracht werden. Dafür darf im Gegenzug aber nicht unsere Kultur aufgegeben werden.

Wieso ist das Weihnachtsfest so wichtig für Kinder?

Proetel: Weihnachten ist ein Kulturgut. Das Ritual ist ein Ausdruck für unsere Werte und Normen. Es ist wichtig, dass man den Kindern diesbezüglich eine Orientierung gibt. Dies gibt den Kindern Sicherheit. Deshalb werden auch die verschiedenen Jahreszeiten in den Einrichtungen thematisiert.

In der Kita „Sara-Nussbaum-Haus“ wurden die Erzieherinnen zudem angehalten, darauf zu achten, dass die Kinder ihre mitgebrachten Brote nicht tauschen. Damit sollte vermieden werden, dass muslimische Kinder Schweinefleisch essen. Was ist davon zu halten?

Kindertagesstätte Sara-Nussbaum-Haus: Die Kita liegt an der Unteren Königsstraße im Stadtteil Wesertor. Foto: Schachtschneider

Proetel: Es ist nicht Aufgabe der Erzieherinnen, zu verhindern, dass die Kinder ihre Salamibrötchen tauschen. Dies zu kontrollieren dürfte ohnehin sehr schwer sein. In den freien Kitas neigen wir nicht zur Überregulierung. Um Konflikte zu lösen, bringt es nichts, immer neue Regeln aufzustellen. Viel besser ist es, die Konflikte direkt mit den Eltern anzusprechen.

Wie gut sind Erzieherinnen auf kulturelle Probleme in den Kitas vorbereitet?

Proetel: Es gibt im Kita-Alltag immer wieder Irritationen. Zum Beispiel, wenn Väter aus anderen Kulturen den weiblichen Erzieherinnen nicht die Hand reichen wollen oder es ablehnen, wenn ein männlicher Erzieher ihr Kind wickelt. Unser Dachverband organisiert am 12. November einen Fachtag in Kassel mit dem Titel „Begegnung mit dem Fremden“. Dabei werden die Erzieherinnen mit Hilfe einer Psychologin unter anderem auf den Umgang mit unterschiedlichen Geschlechterrollen in den Kulturen vorbereitet.

Zur Person:

ANTJE PROETEL (53) ist seit 2008 Geschäftsführerin des Dachverbandes der freien Kindertagesstätten (Dakits). Die Erzieherin hat Sozialpädagogik studiert und sich zur Supervisorin ausbilden lassen. Sie ist geschieden und hat zwei Kinder.

Rubriklistenbild: © dpa

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