Wissenschaftler schränkt Thesen ein

Artikel beschwört Boom: Wollen bald alle nach Kassel?

Was für und gegen Kassel spricht: Der Bergpark mit dem Herkules ist Weltkulturerbe, die Kasseler Innenstadt kann sicher noch an Flair gewinnen, dafür sind die Mieten vergleichsweise noch günstig und zumindest die Bahnanbindung auf der Nord-Süd-Achse ist gut, nach Westen und Osten aber schlecht.

Kassel. Wird Kassel bald die deutsche Boom-Stadt? Den Eindruck konnten jedenfalls Leser der deutschen Ausgabe der US-amerikanischen Onlinezeitung „Huffington Post“ gewinnen.

Dort war nun ein Artikel zu lesen, in dem der Autor Sebastian Christ Argumente darlegte, auf deren Basis er den Aufstieg mittelgroßer Städte – allen voran Kassels – beschwor. Die Zeit von Berlin, Hamburg, Köln und München sei vorbei.

Wir stellen die Thesen des Autors und eine jeweilige Einschätzung des Kasseler Stadtentwicklungsforschers Prof. Uwe Altrock von der Uni Kassel gegenüber.

1) Der Autor sagt: Die Metropolen München, Köln, Hamburg und Berlin litten unter ihrer ungünstigen Lage am Rand der Republik. Geschäftsreisende hätten weite Wege zurückzulegen, Freundschaften und Beziehungen seien gefährdet, da die Menschen sich an Deutschlands Rändern versammelten. Dies spräche für Kassel, es habe durch seine zentrale Lage einen „unschlagbaren strategischen Vorteil“.

Der Wissenschaftler sagt: „Das ist Quatsch. Berlin liegt vielleicht ungünstig, aber Hamburg, Köln und München nicht. Die Münchner schätzen die Nähe zu Bergen und Gardasee. Der Kölner ist schnell in Frankreich, den Niederlanden und Belgien. Und so gut ist Kassels Lage auch nicht: Sie brauchen mit dem Zug drei Stunden bis ins Ruhrgebiet.“

2) Der Autor sagt: Hohe Mietpreise und eine komplizierte Wohnungssuche machen die Metropolen unattraktiv. In Kassel seien die Mieten „spottbillig“.

Der Wissenschaftler sagt: „Ich glaube nicht, dass die Mietpreisentwicklung den Zuzug in die attraktiven Metropolregionen stoppen wird. In München und Hamburg ist das Leben schon lange teuer und trotzdem kommen immer mehr Menschen. Sicherlich werden die steigenden Mieten dazu führen, dass die Menschen verstärkt in die Randlagen der Metropolen ziehen werden.“

3) Der Autor sagt: Die Arbeit wird dank der Digitalisierung (Home Office) mobil. Zukünftig sei es seltener nötig, dass Menschen an ihrem Arbeitsort lebten. Dies mache kleinere Städte attraktiver.

Der Wissenschaftler sagt: „Dies ist nur teilweise richtig. Zwar gibt es die Digitalisierung der Arbeitswelt, aber dies wird eher dazu führen, dass Menschen in die Randbereiche von Metropolregionen ziehen. Von einem solchen Trend werden möglicherweise stärker metropolnahe Städte wie Lüneburg profitieren als Kassel.“

4) Der Autor sagt: Die Wirtschaftskraft einer Region wird für die Wohnortentscheidung weniger wichtig werden. Entscheidender sei der Faktor Lebensqualität. Kassel habe in der Hinsicht viel zu bieten. Zwar gebe es wenig historische Bausubstanz, dafür sei die Stadt inmitten von Bergen und Wäldern gelegen. Mit der documenta habe sie zudem kulturell viel zu bieten.

Der Wissenschaftler sagt: „Das stimmt nur teilweise. Sicherlich mag die Wirtschaftskraft im Zuge der Digitalisierung der Arbeitswelt bald eine geringere Rolle spielen, aber ein Faktor wird sie bleiben. Zudem bieten gerade auch Metropolen hohe Lebensqualität – denken Sie an München.“

5) Der Autor sagt: Wahrscheinlich gibt es kaum eine Großstadt, die so viel Potenzial hat wie Kassel.

Der Wissenschaftler sagt: „Kassel wird weiter in bescheidenem Maße wachsen – aber aus sich selbst heraus und weniger, weil jemand gezielt nach Kassel sucht. Ich gönne der Stadt ihren Aufbruch, aber das ambivalente Image Kassels wird sich nicht so bald überwinden lassen. Wenn etwa ein Spanier zur Jobsuche nach Deutschland kommt und ihm die Metropolen zu teuer sind, wird er eher solche Städte wählen, die ihm neben den Jobchancen auf den ersten Blick auch innerstädtisches Flair bieten – wie Göttingen und Erfurt. Kassel ist eine Stadt für den zweiten Blick.“

Zur Person

Prof. Dr. Uwe Altrock (50) ist Leiter des Fachgebiets Stadterneuerung/Stadtumbau an der Uni Kassel. Er ist verheiratet, hat ein Kind und lebt in Kassel und Berlin.

Hintergrund

FAZ: „Eine zutiefst unspektakuläre Stadt“

Am vergangenen Wochenende war Kassel auch Thema im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Der Autor Tilman Spreckelsen begann seinen Text über eine Nachtwanderung durch den Kasseler Bergpark mit dem Satz: „Kassel ist eine zutiefst unspektakuläre Stadt.“ Nach diesem recht harten Gesamturteil rühmte er anschließend aber den Bergpark als Lichtblick der Stadt. Der Park sei einer der schönsten Deutschlands. Der unausgesprochene Hinweis an Touristen lautet: Schau dir den Park an, um den Rest mach lieber einen großen Bogen.

Kommentare

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