Leiter der Gesundheitstage über "Forum der Scharlatane"

Wunderheiler-Messe: Kassels Image leidet - Wir stellen Akteure vor

Tagungsort unter städtischer Leitung: Im Kongress Palais - Stadthalle finden am 21. / 22. März die renommierten Kasseler Gesundheitstage statt. Für Ende April ist die Stadthalle dann für einen dreitägigen Kongress obskurer Wunderheiler vermietet. Foto: Zucchi / dpa

Kassel. Die Wunderheiler-Messe, die im April in der Kasseler Stadthalle stattfindet, beschädigt das Image der Stadt. Das sagt Prof. Hansjörg Melchior, Leiter der Gesundheitstage.

Hansjörg Melchior

Als Tagungsstadt für Gesundheitsthemen hat sich Kassel einen Namen gemacht: Zu den 12. Gesundheitstagen am 21. und 22. März werden in der Stadthalle wieder über 10 000 Besucher sowie Fachleute aus allen Bereichen des regionalen Gesundheitswesens erwartet. Dass die Stadt Kassel denselben Tagungsort fünf Wochen später für eine Veranstaltung obskurer Wunderheiler vermietet hat, wirft auf das Erreichte ein ausgesprochen schlechtes Licht, sagt Prof. Hansjörg Melchior.

Der renommierte und vielfach ausgezeichnete Medizinprofessor ist wissenschaftlicher Leiter der vom Regionalmanagement Nordhessen organisierten Gesundheitstage. Zu der umstrittenen Messe „Spirit of Health“, die von Vermarktern des laut Behörden gesundheitsschädlichen Wundermittels MMS veranstaltet wird, sagte Melchior gegenüber der HNA: „Das geht nicht, dass Kassel zur Plattform irgendwelcher selbst ernannten Heilsvermittler werden soll.“

Melchior sieht dadurch einen beträchtlichen Imageschaden für die Stadt und äußerte Unverständnis, dass Kassel Marketing das Kongress Palais offenbar ohne nähere Prüfung an die MMS-Truppe vergeben hat. Von der Stadt heißt es nun, es sei juristisch schwierig bis unmöglich, den Mietvertrag zu annullieren. Man fürchte beträchtliche Schadenersatzforderungen im Fall einer Absage. „Ich hätte so einen Vertrag gar nicht erst unterschrieben“, sagte dazu Medizinprofessor Melchior.

Aus seiner Sicht wäre ein Ausstieg der Stadt durchaus erwägenswert: „Die Frage ist nur, wie viel Geld das kosten würde.“ Zum Vergleich: Im Fall der Kasseler Gesundheitstage geht es laut Melchior um ein Mietkostenbudget von etwa 100 000 Euro für das Kongress Palais. Eine Summe in ähnlicher Größenordnung würde der Stadt entgehen – ob es die Wunderheiler auf eine Schadenersatzklage ankommen lassen würden, steht auf einem anderen Blatt. Die Entscheidungsfrage aus städtischer Sicht fasst Melchior so zusammen: „Entweder ich riskiere Geld oder meinen Ruf.“

Über den Ruf der Personen, die bei der „Spirit of Health“ als Referenten angekündigt sind, kann jeder selbst Erkundigungen einholen. In den Augen wissenschaftlich arbeitender Medizinfachleute gelten nicht nur das von den Veranstaltern angepriesene Präparat MMS, sondern auch viele weitere bei der Messe propagierte Mittel und Methoden als Scharlatanerieprodukte.

Gekaufte Pseudo-Doktortitel

Es sollen diverse „Experten“ auftreten, die mit gekauften Scheindoktortiteln Kompetenz vorspiegeln oder denen Gerichte und Ärztekammern wegen ihrer gesundheitsgefährlichen Geschäftemacherei längst das offizielle Handwerk gelegt haben. Der gemeinsame Nenner dieser Truppe sind sektenartige Strukturen sowie Verschwörungstheorien über eine angebliche Komplizenschaft aus Pharmalobby, Politik und „gleichgeschalteten“ Medien, die aus Profitgier ein Interesse daran hätte, Menschen von bestimmten Wegen zur Gesundung fernzuhalten.

Von Axel Schwarz

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Einige Akteure der Heiler-Messe

Jim Humble

So wird er vorgestellt

Als „die Stimme von MMS“ kündigen die Kongressveranstalter den 83-jährigen Amerikaner an. Jim Humble gilt seinen Anhängern als „Entdecker“ des Präparats „Miracle Mineral Supplement“ (Wunder-Mineralien-Ergänzung). MMS, im Wesentlichen eine handelsübliche, ätzende Reinigungs-Chemikalie, soll angeblich gegen Krebs, Aids, Autismus, Tuberkulose, Hepatitis und viele weitere Leiden helfen. Humble lässt verbreiten, er habe 100 000 Malariakranke mit seinem Mittel geheilt.

Das ist über ihn bekannt

Der Ingenieur und Erfinder Jim Humble war nach eigenen Angaben 25 Jahre bei Scientology aktiv. 2010 hat er in der Dominikanischen Republik seine eigene Scheinkirche gegründet. In deren Zentrum stehen die MMS-Verbreitung, Impfgegnerschaft sowie der Handel mit wertlosen Pseudotiteln. Humble selbst lässt sich als „Erzbischof“ seiner Organisation titulieren. Er tritt meist mit weißem Cowboyhut auf, dessen Vorderseite ein „magischer“ blauer Tropfen ziert. In Uganda soll Humble sein Mittel Hunderten Waisenkindern zu trinken gegeben haben. Kritiker werfen dem MMS-Bischof Menschenversuche bei Täuschung lokaler Behörden vor. (asz)

Andreas Kalcker

So wird er vorgestellt

Als Therapiespezialist in Sachen Autismus wird „Dr.“ Andreas Kalcker vorgestellt. Über ihn heißt es in der Kongress-Ankündigung: Auf Basis des Mittels MMS sei Kalcker an der „Entwicklung einer hochwirksamen Therapie“ beteiligt, mit der bisher 119 autistische Kinder „komplett geheilt“ worden seien. Kalcker habe in den 1990er-Jahren „im Zentrum für neue Technologien in Barcelona gearbeitet“ und sei Mitgründer einer Organisation „Earth Help Project“.

Das ist über ihn bekannt

Zu Kalckers Lebenslauf gibt es praktisch kein neutrales Quellenmaterial. Auf seiner privaten Website andreaskalcker. com ist unter „Biografie“ nur bombastisches Wortgeklingel zu lesen. Belege für irgendeine medizinische Qualifikation Kalckers gibt es nicht. Gut dokumentiert ist lediglich, dass der MMS-Propagandist seinen behaupteten Doktortitel 2008 bei einer Titelhandelsfirma in Barcelona gekauft hat. Das kostet dort 1500 Euro, das „Fachgebiet“ kann man sich aussuchen. Kalcker hält sich seit 1987 in Spanien auf. Er hat ab 2009 mehrere Internetseiten für den Verkauf von MMS registrieren lassen. (asz)

Leonard Coldwell

So wird er vorgestellt

Über „Dr. Leonard Coldwell“ behaupten die Kongressveranstalter, er gelte „in den Augen von unzähligen Experten als weltgrößte Autorität für natürliche Krebsheilung“. Coldwell habe aufgrund außergewöhnlicher Gaben „schon in jungen Jahren“ seine an Krebs erkrankte Mutter „eigenständig geheilt“. Während seiner späteren Laufbahn soll er bei „bisher über 35 000 Krebspatienten“ eine Heilungserfolgsquote von 92,3 Prozent haben, heißt es.

Das ist über ihn bekannt

Der 58-Jährige heißt eigentlich Bernd Klein und lebt seit den 1990ern in den USA. Seine angeblich rechtsgültige Namensänderung erkannte ein deutsches Gericht nicht an. Coldwell / Klein macht Geschäfte mit allerlei dubiosen Therapien und Psycho-Techniken. Seine Behauptung, er sei damit Berater vieler namentlich genannter deutscher Konzerne, erwies sich als komplett unwahr. Er ist kein Arzt und nicht heilkundlich qualifiziert, tritt unter diversen Scheindoktortiteln auf und vermarktet sich mit der Verschwörungstheorie, er sei von der deutschen Pharmaindustrie verfolgt und zur Auswanderung gezwungen worden. (asz)

Tullio Simoncini

So wird er vorgestellt

Der römische Mediziner Dr. Tullio Simoncini will auf dem Kasseler Spirit-of-Health-Kongress seine Ansichten über die Entstehung und Behandlung von Krebs darlegen. Simoncini glaubt durch „viele Fallstudien“ belegen zu können, dass Krebserkrankungen durch einen bestimmten Pilz ausgelöst werden – und dass fast alle Krebskranken durch eine Behandlung mit haushaltsüblichem Natron (Natriumhydrogencarbonat) geheilt werden können.

Das ist über ihn bekannt

Simoncini hat tatsächlich Medizin studiert. Aber seine Approbation als Arzt wurde ihm entzogen, er wurde wegen Totschlags und wegen Betruges verurteilt im Zusammenhang mit seiner Krebsbehandlungsmethode, die in den Augen von Fachleuten völlig nutzlos, aber extrem teuer ist. Von Menschen, die auf Heilung hoffen, kassiert Simoncini in seiner Privatklinik fünfstellige Beträge, während die Patienten wertvolle Zeit für eine sinnvolle Therapie verpassen. In wissenschaftlichen Datenbanken sind keine Veröffentlichungen von Simoncini zu finden, seriöse klinische Studien zu seiner Methode gibt es ebenfalls nicht. (asz)

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