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Zehn Jahre im Amt: Kassels OB Bertram Hilgen zieht Bilanz

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Bertram Hilgen

Kassel. „Von Kassel siegen lernen“ titelte die Wirtschaftswoche im Herbst 2012. An diese überregionale Schlagzeile erinnert sich Oberbürgermeister Bertram Hilgen besonders gern.

Bringt sie doch die rasante Entwicklung Kassels auf den Punkt, auf die Hilgen angesichts seiner zehnjährigen Amtszeit in einem Pressegespräch zurückblickt. Heute vor zehn Jahren, am 22. Juli 2005, hat Hilgen sein Amt als Oberbürgermeister angetreten.

Seither habe die Stadt an Selbstbewusstsein gewonnen: „Es gibt ein neues Kassel-Gefühl“, resümiert Hilgen. Die positive Einstellung sei nicht nur Ergebnis einer prosperierenden Wirtschaft, sondern auch durch Großereignisse wie documenta und Hessentag gewachsen. Nicht zuletzt sei die Universität Treiber der dynamischen Entwicklung.

Kassel hat seine Arbeitslosigkeit halbiert und einen Welterbetitel in der Tasche. Die Stadt sieht sich aber auch neuen Herausforderungen gegenüber, die die wachsende Zahl an Flüchtlingen mit sich bringt. „Wir arbeiten hart daran, dass es neue Unterkünfte gibt“, sagte Hilgen.

Woran ist Hilgen gescheitert? „Ich bin traurig, dass wir die Regionalreform nicht hinbekommen haben“, sagt er. Mit einer CDU-geführten Landesregierung sei das nicht zu machen. Auch das Scheitern der Projekte Multihalle, Technisches Rathaus und die Insolvenz der Huskies hätten ihm schlaflose Nächte bereitet.

Flüchtlinge: "Der Großteil bleibt"

Ein Drittel aller Kasseler hat eine Einwanderungsgeschichte. Diese Zahl wird steigen, denn ein Großteil der Asylsuchenden wird bleiben, vermutet Hilgen: „Das ist gut, wird aber auch eine Herausforderung“ - für Kitas, Schulen, den Ausbildungsmarkt. Zugleich seien die Zuwanderer auch ein Baustein, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Hilgen gibt sich zuversichtlich: „Kassel hat ein Integrationsgen.“ Das hätten die Bürger vor 300 Jahren mit der Aufnahme der Hugenotten, nach dem Krieg mit der Aufnahme von Flüchtlingen bewiesen. Die Stadt arbeite aktuell daran, dass es neue Unterkünfte gibt. Das Land sei gefordert, die Pauschalen zu erhöhen.

Wirtschaft: Weniger Arbeitslose

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Arbeitslosigkeit in Kassel halbiert: 18.000 zusätzliche Arbeitsplätze sind laut Hilgen entstanden. Mobilitäts- und Energiewirtschaft führt Hilgen als treibende Motoren ins Feld. Er sei zuversichtlich, dass SMA trotz Krise weiter zur positiven Entwicklung beitragen werde. Gleiches gelte für Fraunhofer: Für 100 Mio. Euro baut das Institut hinter dem Kulturbahnhof. „Wo die sind, kommen noch weitere dazu“, hofft Hilgen. Weiterer Motor der dynamischen Entwicklung sei die Uni, die durch Ausgründungen Arbeitsplätze schaffe. Mit 7,5 Mio. Euro habe die Stadt den neuen Science-Park bezuschusst.

Haushalt: Schutzschirm ade

Hilgen geht davon aus, dass die Stadt 2015 das dritte Jahr in Folge mit einem positiven Haushaltsergebnis abschließt. Damit könnte die Stadt den Schutzschirm des Landes verlassen und hätte mehr finanzielle Spielräume. Dennoch sei die 2012 getroffene Entscheidung dafür (trotz Parkgebührenerhöhung und Schließung der Stadtteilbibliothek) richtig gewesen. Das Land habe der Stadt 260 Mio. Euro Schulden abgenommen. Die Stadt sitze noch auf Schulden von über 500 Mio. Euro. Rechnet man die Schulden der städtischen Eigenbetriebe und kommunalen Unternehmen hinzu, steht Kassel mit insgesamt über 1,3 Mrd. in der Kreide.

Tourismus: Mehr Besucher

Der Tourismus bekomme ein immer größeres Gewicht, so Hilgen. So seien die Übernachtungszahlen in der Stadt zwischen 2005 und 2015 von 660.000 auf 880.000 geklettert. Ein Rekord sei im documenta-Jahr 2012 mit 948.000 Übernachtungen verzeichnet worden. Nach der Verleihung des Welterbetitels für den Bergpark sei die Verkehrssituation rund um den Park – nach anfänglichen Problemen – verbessert worden. „Es hat sich eingependelt“, so Hilgen. Die Parkmöglichkeiten für Reisebusse sollten an den Parkplätzen an der Tulpenallee optimiert werden. „Dennoch muss der Park im Wesentlichen zu Fuß erlebt werden.“

Kultur: Investiert in Museen

Im Bereich Kultur verweist Hilgen auf große Investitionen seit seinem Amtsantritt: Die Stadt lasse für 20 Mio. Euro die Grimmwelt bauen (Eröffnung: 4. September), saniere das Stadtmuseum (Wiedereröffnung schrittweise ab 30. Oktober) und habe durch Ankauf der Grimmbestände langwierige Rechtsstreitigkeiten geklärt. Zudem sei die Arbeit des documenta-Archivs durch die Übertragung an die Documenta GmbH zum 1. Januar 2016 gesichert. Denn die GmbH wird auch vom Land getragen. In den nächsten Monaten soll zudem geprüft werden, ob sich Kassel für das Jahr 2025 nochmals als Europäische Kulturhauptstadt bewerben sollte.

Verkehr und  Infrastruktur

Sanierung Königsstraße: Über die aktuell diskutierte Frage des zukünftigen Pflasters lasse sich sicher streiten, so Hilgen. Aber: „Wir befinden uns in einem Spannungsverhältnis zwischen Ästhetik und Kosten. Am Ende ist auch die Frage, wer zahlt das?“ Er sei aber sicher, dass ein guter Kompromiss gefunden werde. An der Debatte um den grünlichen Belag vor dem Hauptbahnhof sei erkennbar, dass sich die Menschen an einer zu ausgefallenen Gestaltung schnell sattsehen.

Wilhelmshöher Allee: Weil mit 1,9 Mio. Euro wesentlich weniger Fördergeld vom Bund für die Umgestaltung der Allee fließt als erhofft, seien größere Umbauten ausgeschlossen.

Baustellen und Staus: In den vergangenen Jahren seien viele Straßen saniert worden. Dies habe Verkehrsbehinderungen zur Folge. Weil der Umbau von Altmarkt und Friedrich-Ebert-Straße in diesem Jahr fertig werde, sei mit einer Entschärfung zu rechnen, so Hilgen. Allerdings: Es werde weiter gebaut, und das sei wichtig. Im Vergleich mit anderen Städten sei die Verkehrslage in Kassel gut. „Sicher nerven Staus – mich auch. Aber wer Ruhe will, darf nicht in eine prosperierende Großstadt ziehen.

Langes Feld: 2017 sollen sich erste Firmen auf dem neuen Gewerbegebiet in Niederzwehren ansiedeln. Es gebe bereits „konkrete Gespräche“. Bis dahin sei auch der Autobahnanschluss fertig. Insgesamt investiere die Stadt 60 Mio. Euro in das 70 Hektar große Gewerbegebiet.

Bäder: Obwohl es in Hilgens SPD einst Widerstände gegen den Erhalt des Freibads Wilhelmshöhe gab, zeigt er sich nun froh, dass mit 40 Mio. Euro alle Kasseler Bäder in seiner Amtszeit erneuert oder saniert werden konnten. Die Sanierung des Bades in Wilhelmshöhe beginne 2016, nach Abschluss der Arbeiten am Harleshäuser Bad.

KVG: Die für 2017 geplante Liniennetzreform bei der KVG werde auch dazu führen, dass einige Haltestellen wegfallen. Es gehe darum, den Nahverkehr stärker am Bedarf auszurichten und die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. Die KVG habe 22 Trams für 55 Mio. Euro gekauft, dies belaste deren Ergebnisse.

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