Interview

Sea + Air: „Europa ist eine Liebesbeziehung“

Demnächst im Kasseler Kulturzentrum Schlachthof zu Gast: Daniel Benjamin (36) und Eleni Zafiriadou (34). Foto: nh

Das Pop-Duo Sea +Air spricht im Interview über Tourneen durch 22 Länder und die heimische Plattenfirma Glitterhouse. Bald gastieren die Musiker im Schlachthof in Kassel.

Dass seine Musik ein großes Publikum ansprechen kann, merkte Daniel Benjamin vor sechs Jahren, als er im Vorprogramm von Whitney Houston auftrat. Mittlerweile ist der Schwabe mit seiner Frau Eleni Zafiriadou als Duo Sea + Air längst international erfolgreich. Seinen Ghost-Pop, der beim Label Glitterhouse aus Beverungen erscheint, spielt das Ehepaar am 16. Januar im Kasseler Schlachthof.

Sie haben in drei Jahren 600 Konzerte in 22 europäischen Ländern gespielt. Hat Europa, das zuletzt oft totgesagt wurde, noch eine Zukunft?

Daniel Benjamin: Unbedingt. Wir haben uns darüber in jedem Land mit den Menschen unterhalten. Keiner wünschte sich die Grenzen zurück. Diejenigen, die Europa für tot erklären, haben in der Regel mit Macht oder Geld zu tun. Aber das Menschliche funktioniert super. Europa ist eine Liebesbeziehung. Darum geht es auch in unserem Song „Lady Evropi”.

Sehen Sie sich als deutsche oder europäische Band?

Eleni Zafiriadou: Wir kündigen uns immer als europäische Band an. Das liegt auch daran, dass wir nicht so oft daheim sind. Wir bewegen uns hauptsächlich im Ausland. Ich könnte auch nicht sagen, ob ich deutsch oder griechisch bin.

Ihre komplex arrangierten Songs klingen mal nach eingängigem Folk, mal nach Krautrock. Auch ein Cembalo hört man im Pop nicht sehr oft. Wo nehmen Sie all die Einflüsse her?

Zafiriadou: Wenn wir in Griechenland sind, besuchen wir oft folkloristische Konzerte – zuletzt auf einem Fest in einem kleinen Bergdorf.

Benjamin: So etwas würde man hier nicht hinbekommen. Das ist so, als würde man Pizza Hut mit neapolitanischer Pizza vergleichen. In Kiew brennen einem Leute CDs mit ukrainischer Musik. In Slowenien wird man zu einem Hinterhofkonzert eingeladen. Das macht Europa in der globalisierten Welt so einzigartig. Es ist ein Kontinent der Regionen. Von diesen Stimmungen lassen wir uns beeinflussen.

Live spielen Sie 18 Instrumente. Warum benutzen Sie nicht einfach Samples?

Zafiriadou: Weil die Überforderung unser Lebensthema ist. Wir wollen nicht das machen, was alle machen. Bei uns muss man mit allem rechnen. Es gehört zum Programm, dass Dinge scheitern. Wir sind wie Seiltänzer ohne Sicherheitsseil.

Ihr neues Album haben Sie bei Glitterhouse aus Beverungen veröffentlicht. Was macht diese Plattenfirma anders?

Benjamin: Dort glauben sie längerfristig an ihre Künstler. Glitterhouse ist keine Affäre, sondern eine Ehe. Bei ihnen geht es immer erst um die Musik und nicht ums Geld. Wenn sie einen tollen Künstler finden, überlegen sie sich, wie sie auch mit 100 verkauften CDs wieder auf null rauskommen. Bei anderen Labels muss man dagegen immer Geld verdienen. Zudem ist Glitterhouse sehr international orientiert. Wir haben unser Album in 14 Ländern veröffentlicht. Das hätten wir bei keiner anderen Plattenfirma haben können.

Stimmt es, dass Sie sich kennengelernt haben, als Eleni im Dorf schlafwandelte?

Benjamin: Ich war 16 und bin mit dem Rad spätabends durchs Dorf gefahren. Da habe ich sie auf der Straße gesehen.

Zafiriadou: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, weil ich ja nicht bei Sinnen war. Aber am nächsten Tag sagten mir meine Eltern, dass ich mich bei dem jungen Mann bedanken müsse.

Sie sind seit 16 Jahren zusammen und seit 12 Jahren verheiratet. Wie ist es, auch noch in einer Band zu spielen?

Zafiriadou: Mal so und mal so. Gerade waren wir in Italien auf Tour. Da lief es super. Ansonsten muss man einen Weg finden, sich nicht auf die Nerven zu gehen.

Wie gut können Sie von der Musik leben?

Benjamin: Wir haben zehn Jahre gebraucht, ehe wir unsere Nebenjobs geknickt haben. Eleni ist Grafikdesignerin. Ich habe nie eine Ausbildung gemacht. Zum Glück. Viele meiner Freunde haben einen Beruf gelernt. Als sie 1500 Euro netto im Monat verdienten, sind sie von dem Trip nicht mehr runtergekommen. Ich habe mich dagegen bewusst entschieden, dass es keinen Plan B gibt. Wenn man sich das klarmacht, arbeitet man ganz anders daraufhin, dass es klappt.

Zu den Personen

Sea + Air sind Daniel Benjamin (36) und Eleni Zafiriadou (34)

Ausbildung: keine (Benjamin), Grafikdesignstudium (Zafiriadou)

Karriere: Beide spielten zunächst in der Band Jumbo Jet, 2011 wurde aus Benjamins Soloprojekt das Duo Sea + Air.

Privates: Benjamin und Zafiriadou sind seit zwölf Jahren verheiratet und leben in der Nähe von Stuttgart.

Das Album: „Evropi“ ist bei Glitterhouse erschienen

Das Konzert: 16. Januar, 20.30 Uhr, Schlachthof Kassel. HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

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