Bariton Christian Gerhaher

„Ich hätte es gern einfach“

bariton-christian-gerhaher-dpa
+
Christian Gerhaher

München - Das Buch des Münchner Baritons Christian Gerhaher ist keine Autobiografie, sondern ein Plädoyer gegen das bloße Konsumieren von Kunst.

Eine Autobiografie? Erinnerungen eines singenden Intellektuellen, der im vollen (vokalen) Saft steht? „Ein Schmarrn“, so hätte das Christian Gerhaher, Jahrgang 1969, bis vor kurzem wohl abgetan. Doch auch der Münchner Bariton, als grübelnder Einsiedler nicht nur mit dem Lied zu Weltruhm gelangt, kann sich PR-Aktionen nicht verweigern. Vor einiger Zeit blickte ein TV-Film ins Private, jetzt dieses Gesprächsbuch. Wobei „Halb Worte sind’s, halb Melodie“, übrigens ein Eichendorff-Zitat, alles andere ist als eine jener plaudernden Selbstbespiegelungen, an denen der Biografie-Markt erstickt.

Natürlich, es gibt auch Privates. Über Gerhahers Zögern, sich dem Profi-Gesang hinzugeben, über Opernängste, über die (auch finanziell notwendige) Verbindung von Karriere und Privatem und darüber, dass er sich schon jetzt auf die Zeit nach dem Beruf freut. Griffig wird es auch, wenn Gerhaher die Haltung des sorgsam Abwägenden verlässt, um zu wettern. Über die falsche Popularisierung der Klassik („Unterhaltungsbodensatz“), über Orchesterlieder von Strauss („Perversion des Liedgedankens“) oder die Lebenslüge der Sportverantwortlichen – Doping sei schließlich essenziell für einen Bereich, der immer mehr nach Rekorden giere.

Der Praktiker und Professor spricht in den Kapiteln über die Technik. Auch für Laien eröffnet sich da eine faszinierende Welt: Das ist nicht das Begriffskauderwelsch eines Experten, da wird mit gut verständlichem Vokabular das Entstehen von Tönen beschrieben, was Lied- von Operngesang unterscheidet (oder eben nicht) – und das, woran es bei vielen Sängern im Doppelsinne krankt. Aufschlussreich ist das, auch weil Gerhaher letztlich das Heranreifen und Ausbilden seiner eigenen Stimme beschreibt.

Eigentliches Zentrum des Buchs ist aber eine andere Person: Robert Schumann. An der Verehrung nicht nur der Liedkunst lässt sich erkennen, worum es Gerhaher bei der Ausübung seines Berufs geht. Eben nicht ums Ausstellen von Befindlichkeiten, ums Heischen nach Gemeinsamkeit mit dem Publikum, um emotionale Ausschmückungen, um das Anbieten von Lösungen. Schumann stelle nicht das eigene Erleben in den Vordergrund, sondern mache „das Begreifen zum Erleben“, wie es der Bariton formuliert.

Vera Baur, die Interviewerin, nimmt dazu die Position der behutsamen Stichwortgeberin ein, oft bringt sie ihren Gesprächspartner auf ganz andere Wege, einige Male provoziert sie ihn auch. Nicht einmal 180 Seiten umfasst der Band – und doch strotzt er vor Gehalt: Andere bräuchten dafür einen dicken Wälzer. Dass Gerhaher vieles nachredigierte, merkt man. Der Tonfall ist eben nicht der eines lockeren Interviews, eher liest man einen durch Fragen unterbrochenen Essay.

Gerhahers Buch ist ein einziges großes Plädoyer gegen das bloße Konsumieren von Kunst, gegen das Zurücklehnen und Bedientwerden mit Inhalten. Die „Verschwommenheit“ ist es, die den Sänger interessiert, ein Phänomen, das sich gerade beim Zusammentreffen von Lyrik und Musik zeigt – und bei der „eindeutigeren“ Oper kaum zu spüren ist. Am Ende weiß man, warum dieser Mann als Dauer-Zweifler und Infragesteller unterwegs ist. Die Verhältnisse, ob in Kunst oder Realität, sie sind eben nicht so: „Ich hätte es auch gerne einfach, ich sehe aber, dass es nicht einfach ist.“

Christian Gerhaher:

„Halb Worte sind’s, halb

Melodie“. Gespräche mit

Vera Baur. Henschel/ Bärenreiter, 171 Seiten; 22,95 Euro. „Gerhaher singt Schubert“ im Münchner Nationaltheater: Einführung an diesem Samstag (11 Uhr), „Die schöne

Müllerin“ am 27.4.,

„Die Winterreise“ am 30.4.;

Telefon 089/ 2185-1920.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.