Handyklingeln und Technik störten Schauspieler

Wutausbrüche in Homberg: Ben Becker bewegt von Judas und sich selbst

Am Ende ist er selbst Judas: Ben Becker in der Homberger Stadtkirche. Foto: Zerhau

Homberg. Mit dem Programm "Ich, Judas" trat Schauspieler Ben Becker im Rahmen des Kultursommers Nordhessen in Homberg auf - es war ein schillernder Abend.

„Ich verlange, dass mein Schuldspruch aufgehoben wird!“ Das ist der Kern der „Verteidigungsrede des Judas Ischariot“, die der am 9. Juni vor drei Jahren gestorbene Publizist und Gelehrte Walter Jens verfasst hat. Sie stand nach Lesungen aus dem Matthäus-Evangelium und aus dem Buch „Judas“ des israelischen Schriftstellers Amos Oz im Mittelpunkt eines außergewöhnlichen Kultursommer-Abends in der Homberger Stadtkirche.

Der Schauspieler Ben Becker tourt mit dem Programm „Ich, Judas“ durch die Lande. Während er in seinem weißen Gewand (Achtung: „Unschuld“!) bei den Lesungen noch beherrscht bleibt, dabei schauspielerische Gesten allerdings nur mühsam zurückhalten kann, steigert er sich in den Worten von Jens spielend in einen Rausch hinein. Es entsteht ein Monodrama, das – Ben Becker wäre nicht Ben Becker – viel „Ich“ hat, aber den inhaltlich, theologisch, philosophisch und rhetorisch faszinierenden Text dennoch zum Leuchten bringt. Er schreit, flüstert, hadert, ringt mit sich und der Welt. Die Identifikation mit dem Verräter, ohne den die Heilsgeschichte, ja die Geschichte überhaupt, ganz anders verlaufen wäre, wächst von Minute zu Minute. Am Ende spielt der Schauspieler nicht mehr den Judas, er ist Judas, diesen Eindruck bekommt das gefangene Publikum in der vollen Kirche.

Nach dem letzten Wort der Einstundenrede, nach der nur noch Orgelmusik von Bach half (gespielt vom Berliner Domorganisten Andreas Sieling), bricht Becker in Tränen aus, bewegt von den großen Worten, von der verkannten Gestalt – und von sich.

Nicht zum Programm gehörten zwei Wutausbrüche über das Mikrofon, das wohl unvermeidliche Handyklingeln („Mach dein Sch...handy aus!“) und eine Tirade über die Stadt „Homburg“, die ja so schön sein könnte, wenn nicht vieles so kaputt wäre. Dem Obsthändler am Marktplatz versprach er eine neue Markise.

30. Oktober, 19 Uhr, „Ich, Judas“ mit Ben Becker in der Kasseler Stadthalle.

Von Johannes Mundry

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