Bestseller-Autorin Schenkel

"Hype um 'Tannöd' war unwirklich"

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Bestseller-Autorin Andrea Maria Schenkel pendelt zwischen Regensburg und New York.

München - Mit dem Romandebüt in die Bestsellerlisten: Der Krimi „Tannöd“ machte Andrea Maria Schenkel 2006 bekannt. Vier erfolgreiche Bücher später sieht sich die Autorin immer noch vom Image der „schreibenden Hausfrau“ verfolgt.

Mit ihrem Romandebüt „Tannöd“ wurde Andrea Maria Schenkel 2006 in kürzester Zeit zur literarischen Sensation. Der Krimi über einen ungeklärten Mordfall auf einem einsamen Bauernhof im bayerischen Hinterkaifeck blieb monatelang in den Bestsellerlisten. Inzwischen hat die in Regensburg geborene Schriftstellerin vier weitere Bücher veröffentlicht und ihr Leben teilweise in die USA verlagert, wo „Tannöd“ in diesem Jahr erstmals erschienen ist. In einem New Yorker Café erzählt die 52-Jährige der Nachrichtenagentur dpa, wie sie schreibt, wie das damals alles war mit „Tannöd“, und was sie am Klischee der „schreibenden Hausfrau“ nervt.

Ihr Romandebüt „Tannöd“ ist acht Jahre, nachdem es in Deutschland erschienen ist, jetzt auch in den USA herausgekommen. Warum hat das so lange gedauert?

Da müssen Sie nicht mich fragen, da müssen Sie die Amerikaner fragen. Ich weiß es nicht. Es war tatsächlich so, dass es bisher keine Nachfrage gegeben hat. Es war zwar in Großbritannien, es gab eine englische Version, man kann es auch in Australien erwerben und auf Englisch in Indien, aber nicht in Amerika, nur über Amazon. Aber jetzt haben sie eine eigene Ausgabe.

Was glauben Sie, wie dieses Buch in Amerika gelesen wird?

Dieses Ländliche ist jetzt vielleicht nicht unbedingt gerade den New Yorkern bekannt, aber man fährt ja von hier anderthalb Stunden raus und ist mitten am Land. Von daher kann ich mir schon vorstellen, dass sie sich auch ein bissl mit der ganzen Sache identifizieren können. In Amerika gibt es ja Gegenden, da ist Tannöd wahrscheinlich direkt vielbevölkert dagegen.

Sind Sie noch nervös bei so einer Veröffentlichung?

Man ist immer nervös. Ich bin natürlich total nervös, absolut nervös. Auf dem amerikanischen Buchmarkt gibt es ja ganz wenige Übersetzungen, das ist anders als bei uns. Es gibt ja auch viele für uns ganz große Namen, die nicht übersetzt werden. Ich hoffe natürlich, dass die Amerikaner das Buch sehr mögen werden, aber da muss man abwarten.

Wie haben Sie damals den Hype in Deutschland um „Tannöd“ erlebt?

Oh Gott. Unwirklich. Man funktioniert dann bloß mehr, man rennt von einem Interview und von einem Ereignis zum anderen und hat überhaupt keine Zeit, um darüber nachzudenken. Es ist natürlich schön und es freut einen auch sehr, aber es hat schon was sehr, sehr, sehr Unwirkliches gehabt. Es haben Leute am Gartenzaun gestanden, es haben Leute bei mir geklingelt, die mir unbedingt irgendwelche Geschichten erzählen wollten, wenn ich in die Stadt gegangen bin, dann habe ich hinterher erfahren, wo ich in der Stadt war und was ich gegessen habe. Gaga!

Haben Sie eine Formel für gutes Geschichtenerzählen?

Gute Geschichten müssen einen immer mitnehmen können und deshalb glaube ich, die einzige Formel ist, dass du versuchst, die Geschichte so ehrlich als möglich zu erzählen. Weil nur, wenn du es so ehrlich wie möglich erzählst, schnappst du den Leser, kannst du ihn auf die Reise mitnehmen. Wenn ich jetzt an das letzte Buch, was ich geschrieben habe, denke, an den „Täuscher“, dann war das so, ich habe zuerst mal den Fall mir angeschaut, dann habe ich die ganzen Zeitungen aus der Zeit durchgeschaut, dann habe ich herausgefunden, dass er eine Vorliebe hatte für Groschenromane, also liest man solche Groschenromane.

Ich versuche mich dann so langsam der Person zu nähern. Wie nahe ich ihm gekommen bin, habe ich erst hinterher kapiert, nachdem jemand, der sich beruflich mit Serienmördern auseinandersetzen muss, zu mir gesagt hat, Serienmörder haben Schlachtfantasien. Ich hatte das vorher nicht gewusst, aber im Buch wird auch eine Schlachtung beschrieben. Da habe ich Gänsehaut gehabt, weil dann merkt man erst, wie nah man so einer Figur kommt.

Wie kommen Sie denn dann wieder raus aus so einem Prozess?

Das dauert immer. Hinterher schreibe ich meistens eine Zeit lang überhaupt nichts. Das ist ganz komisch, wenn man den Text abgegeben hat, dann ist man auf der einen Seite glücklich und auf der anderen Seite todunglücklich. Du fällst in so ein Loch rein und fällst und fällst und fällst und es ist furchtbar. Bis man sich dann wieder aufrafft für was Neues.

Sie wurden damals als „schreibende Hausfrau“ abgestempelt. Wie war das für Sie?

Ich hasse es. Das verfolgt mich bis jetzt. Auf der einen Seite ist es toll, weil ich glaube, dass es unheimlich viele Leute ermutigt, etwas zu tun, was sie gerne möchten, aber es sich nicht zutrauen, und die denken dann, sie hat es gemacht, sie hat es geschafft, also packe ich das auch. Wenn man es unter einem anderen Aspekt anschaut, dann ist es aber einfach blöd, weil dann ist es abwertend. Manchmal stehe ich drüber, manchmal ärgere ich mich total, das hängt auch von meiner Tagesform ab.

Wie hat sich Ihr Leben seit „Tannöd“ verändert?

Ich sitze hier in New York. Aber die Stadt ist für mich eigentlich nicht weggehen, sondern heimgehen, denn mein Stiefgroßvater hat zwischen 1920 und 1930 in New York gelebt und mein Vater hat als Zivilangestellter in Deutschland für die Amerikaner gearbeitet. Für mich ist New York praktisch der Luxus, den nur ganz wenige haben, dass sie in ihre eigene Kindheit zurückgehen dürfen. Zum Beispiel gab es, als ich klein war, in Deutschland ja noch fast nirgends Erdnussbutter, aber meine Mama hat sie ab und zu von amerikanischen Freunden gekriegt oder selber gemacht. Bis heute esse ich Erdnussbutter auf schönem bayerischen Bauernbrot. Ich finde, das ist die einzige Möglichkeit, dass es überhaupt schmeckt.

Jetzt leben Sie zwischen Bayern und New York?

Ich bin ungefähr sechsmal im Jahr in New York, es hängt davon ab, wie es mit den Kindern und mit Lesungen und all so etwas geht. Meistens schreibe ich in New York.

Arbeiten Sie denn gerade schon an einem neuen Buch?

Ja.

Können Sie schon etwas verraten?

Es liegt wieder etwas Historisches zu Grunde, aber es ist nicht eine durchgängige Geschichte, sondern mehr oder weniger aus unterschiedlichen zusammengewürfelt. Es wird was ganz was anderes. Ich kann jetzt aber nicht die ganze Story von meinem Buch erzählen, das geht nicht. Ich bin noch in der Recherchephase, meine Deadline ist nächstes Jahr im Mai.

ZUR PERSON: Andrea Maria Schenkel (52) ist eine deutsche Schriftstellerin, die 2006 mit ihrem Romandebüt „Tannöd“ bekanntwurde. Zuletzt erschien von ihr 2013 der Krimi „Täuscher“. Schenkel hat eine Tochter und zwei Söhne und lebt in der Nähe von Regensburg und in New York.

dpa

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