Carmen Herrera (94) heißeste Newcomerin auf dem Kunstmarkt

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Die 94-jähirge Carmen Herrera in New York 2009.Als heißeste Newcomerin auf dem Kunstmarkt wird sie in den USA gehandelt, in Großbritannien nannte man sie gar "die Entdeckung des Jahrzehnts".

New York - Da soll noch einmal jemand sagen, dass es ältere Semester nicht bringen: Künstlerin Carmen Herrera ist nicht nur heiß sie ist hot!

Carmen Herrera ist 94 Jahre alt - und sie ist “hot“. Als heißeste Newcomerin auf dem Kunstmarkt jedenfalls wird sie in den USA gehandelt. In Großbritannien nannte man sie gar “die Entdeckung des Jahrzehnts“. Herrera malt schon fast ihr ganzes Leben lang, aber eine große Ausstellung hatte sie nie, geschweige denn, dass sie etwas verkauft hätte. Und plötzlich boomen ihre Bilder, das Museum of Modern Art in New York und die Londoner Tate kaufen ihre Werke für fünfstellige Dollar-Beträge.

Am 23. Januar eröffnet auch in Deutschland eine Schau über sie, im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern. “Ich verstehe auch nicht, was plötzlich los ist“, sagt Herrera selber. Herreras Bilder tragen Jahreszahlen wie 1948, 1962 oder 1977 - und scheinen direkt aus der Zukunft zu kommen. Gerade Linien, Grafik, meist nur zwei Farben - aus heutiger Sicht war ihr Stil damals revolutionär. Schon in den frühen 50er Jahren erfindet sie Elemente der Op-Art, die Bilder dank ihrer grafischen Gestaltung aussehen lassen, als ob sich etwas bewegt. Bekannt wird der Stil erst in den 60ern - Carmen Herrera findet sich allerdings nicht unter den großen Namen.

“Sie war ihrer Zeit voraus“, versucht Tony Bechara, selber Künstler und seit Jahrzehnten Herreras Nachbar und guter Freund in der Nähe des Union Squares in New York, das Phänomen zu erklären. Herrera hatte nicht das richtige “Profil“, schätzt Bechara: Sie war eine Frau, und sie war eine Immigrantin, denn sie stammt aus Kuba. Dort war sie in einem wohlhabenden, intellektuellen Umfeld aufgewachsen. Mit ihrem Mann, einem US-Amerikaner und Englischlehrer, zog sie um 1939 nach New York.

61 Jahre lang waren die beiden verheiratet - “wir haben sozusagen im Kopf des anderen gelebt“, sagt Herrera. Kinder hatten sie nicht. Als Herrera und Bechara sich in den 70ern kennenlernten, sah die heute schicke, teure Gegend mitten in Manhattan noch ganz anders aus. Alte, verfallene Lagerhallen, überall Dreck - und viele, viele Künstler, auch Andy Warhol war in der Nähe. Bis heute wohnen und arbeiten beide in ihren Lofts unterm Dach, kleine Oasen, in denen die Zeit ein bisschen stehengeblieben zu sein scheint, mitten in der schnellen Shopping-Gegend. Es gibt Begegnungen, die lassen einen so schnell nicht mehr los - die mit Herrera ist sicher so eine. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl, in den sie die Arthritis mehrere Stunden am Tag zwingt.

Ihr Zimmer hoch über New York ist hell, offen, schlicht eingerichtet. Sie hat einen eigenen Aufzug, uralt. Wenn sie runter will, muss sie selber die Kurbel drehen. Braun gefärbte Bücher stehen seit Jahrzehnten in einem Wandregal. “Ich kann sie nicht mehr herausnehmen, denn dann würden sie auseinanderfallen“, kommentiert die 94-Jährige. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet und hat ein Lächeln in den Augen. Nein, wie 94 sieht sie nicht aus. Wenn sie ihre Lebensgeschichte erzählt, geht es auf eine Zeitreise. Mit temperamentvollen Handbewegungen berichtet sie, was sie alles gesehen hat: Von ihrer Bildungsreise nach Europa in den späten 1920er Jahren, als Berlin und Paris “glühten“ vor Energie.

Die gemeinsamen Jahre mit ihrem Mann in Paris, wo die beiden von Mitte der 40er bis in die frühen 50er Jahre lebten. Und dann das New York der 60er und 70er. Herrera malte die ganze Zeit. Nur um die Jahrtausendwende, als es ihrem Mann immer schlechter ging, sie ihn pflegte und er schließlich starb, ging es nicht. “Ich konnte nicht mehr.“ Warum ist es nie etwas geworden mit der Karriere? Wollte sie nicht? “Ich wollte schon, aber es war auch nicht mein Hauptziel“, sagt sie. “Vielleicht war ich nicht entschlossen genug. Aber das ist mir eigentlich auch egal. Ich habe nur versucht, das zu machen, was ich wirklich wollte: Malen.“

Ihren eigenen Stil fand sie in den späten 40ern in Paris, inspiriert vom “Salon des Réalités Nouvelles“. “Als ich in die USA zurückkam, war das hier nicht modern, hier regierten der Abstrakte Impressionismus und die New York School.“ Sie aber liebt es so simpel und reduziert wie möglich, vergleicht ihre Bilder gerne mit japanischen Haiku-Gedichten. Sie verehrt die gerade Linie. “Es macht mir einfach Vergnügen, eine Linie zu zeichnen“, sagt sie, und zieht mit dem Finger eine auf dem Tisch nach. Ihre Möbel müssen immer in einer geraden Linie stehen.

Stellt die Putzfrau sie um, dreht Herrera sie wieder zurück. “Das ist eine Art stiller Krieg zwischen uns“, sagt sie lachend. Carmen Herrera mag heiß begehrt sein auf dem Kunstmarkt - “hot“ eben - eigentlich ist sie aber ziemlich “cool“. Mit Humor und Schlagfertigkeit bahnt sie sich den Weg durch den neuen Rummel um sie. Wenn sie spricht, gestikuliert sie temperamentvoll mit den Armen. Sie liebt Scotch und trinkt ihn regelmäßig - allerdings niemals im Tee: “Das würde den Scotch und den Tee verderben.“

Rund 70 Bilder, vermutet sie, stehen in ihrem Keller. Eigentlich wollte sie diese nach dem Tod ihres Mannes schon wegschmeißen. Jetzt bringen sie plötzlich 30 000 oder auch 70 000 Dollar ein. Die Aufregung ums sie, seit sie “entdeckt“ wurde, mache ihr Spaß, sagt sie. Seit ihre Geschichte die Titelseite der “New York Times“ zierte - Ihr Kommentar: “Ich dachte immer, nur Kriminelle kämen dahin.“ - laufen ihr die Interessenten die Bude ein.

Schon um die Jahrtausendwende war sie bei ersten kleineren Ausstellungen in New York aufgefallen. In diesem Jahr war erstmals eine eigene Schau im englischen Birmingham zu sehen. Das war der Durchbruch. Allerdings braucht sie auch zwischendurch ihre Ruhe: “Ich will schließlich noch ein paar mehr Bilder malen, bevor ich gehe.“

dpa

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