Bildhauer Balkenhol wirft documenta-Chefin „Allmachtsgefühle“ vor

Kassel. Der Bildhauer Stephan Balkenhol kann die Kritik der documenta an seinem Kunstwerk auf einem Kirchturm in Kassel überhaupt nicht nachvollziehen. Der Streit sei „sehr lästig“, sagte er am Freitag.

„Keiner hat damit gerechnet, dass das nach hinten losgeht.“ In einem Interview warf der Bildhauer der documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev „Allmachtsgefühle“ und „Kleingeistigkeit“ vor.

Er müsse sich erst warmreden, begann Stephan Balkenhol am Freitag sein Statement in der Pressekonferenz zur Ausstellung in St. Elisabeth, die am Sonntag eröffnet wird. Er sei „beim Rotwein versackt“, lange habe man im Freundeskreis über Hunde und Tomaten gesprochen.

Der 55-Jährige nahm damit Bezug auf das Aufsehen erregende Interview der Künstlerischen Leiterin der documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, in der „Süddeutschen“, und er sprang hinein in eine Debatte, die seit Wochen die Kasseler bewegt. Denn Christov-Bakargiev hatte Balkenhol, weil sie sich von dessen Figur im Kirchturm „bedroht“ fühlte, zum Abbau der Skulptur aufgefordert.

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Ihn habe dieser „verquere“ Protest irritiert, sagte Balkenhol, weil die documenta eine Erweiterung des Kunstbegriffs anstrebe und Demokratisierung propagiere, „aber manche Dinge tabu sind“. Das erinnere ihn an Orwells Roman „Farm der Tiere“: „Alle sind gleich, aber andere sind gleicher.“ In der Kunst dürfe es keine Tabus geben, sie sei Inbegriff der Freiheit, es dürften keine Verbote ausgesprochen werden, „was Kunst sein darf und was nicht“. „Ich sollte dankbar sein für diese PR“, sagte Balkenhol vor ungewöhnlichen vielen Journalisten, aber die „Anfeindungen“ hätten ihn Kraft und Energie gekostet.

Fotos: Einblicke in Balkenhol-Ausstellung in Kassel

Einblicke in die Balkenhol-Ausstellung in Kassel

Auf alle Fälle wird die Balkenhol-Ausstellung einen Kontrapunkt zur documenta 13 und damit auch künftig reichlich Diskussionsstoff bieten. Wo Christov-Bakargiev sich vehement für die Rechte nichtmenschlicher Lebewesen stark macht, wurde Balkenhol gerade eingeladen, weil er die Gestalt des Menschen in das Zentrum seines Schaffens rückt und dabei eine Balance zwischen Wirklichkeit und Poesie sucht, sagte Dr. Burghard Preusler (Bistum Fulda).

„Kunst wird von Menschen für Menschen gemacht“, sagte Balkenhol. Er nannte die Ausstellung eine persönliche Gratwanderung - weil er auf den religiösen Kontext eingehen, aber seine Autonomie behalten wollte. „Ich habe Respekt vor diesem Ort und seiner Bestimmung.“ Die Kirche habe ihn in keinerlei Hinsicht beeinflusst oder Vorgaben gemacht, betonte der in Fritzlar geborene Bildhauer, dessen Pfadfindergruppe in St. Elisabeth beheimatet war und der am Friedrichsgymnasium in Kassel Abitur gemacht hat.

Fotos: Skulptur auf Kirchturm von St. Elisabeth

Skulptur auf Kirchturm von St. Elisabeth

Eine „Gebrauchsanweisung“ wolle er nicht geben, sondern Bedeutungen offen lassen, sagte Balkenhol - so offen, „dass sich auch Frauen hineindenken können“, selbst wenn männliche Figuren aus dem Holz geschnitten wurden.

Noch ein Seitenhieb an „CCB“, die sich daran gestört hatte, dass auf dem Turm ein Mann steht. Damit erweise sie dem Feminismus einen Bärendienst. „Ich sollte eigentlich Stephanie heißen“, sagte Balkenhol, jüngster von vier Brüdern, es gehe doch zu weit, wenn man sich schämen müsse, Mann zu sein.

Das sagt die katholische Kirche

„Wo erkennen wir in Zeitgenossen Christus?“, diese Frage stelle die Ausstellung, sagte Diözesanbaumeister Dr. Burghard Preusler. Er hoffe, dass der 1700 Jahre alte Dialog von Kirche und Kunst vertieft, dass Raum, Skulpturen und Besucher „eine Beziehung entfalten“ könnten. documenta-Besucher sollten nicht vor verschlossenen Türen stehen - deshalb diese Ausstellung. Die Kirche, so die Botschaft, ist an Kunst ernsthaft interessiert. Dechant Harald Fischer sagte, der spirituelle Raum solle für inspirierte oder beladene d13-Besucher Erholung und Reflexion ermöglichen. Mit Kunst, die kraftvolle Dynamik besitze, der Erwartung der Besucher entspreche und offen für Interpretationen sei.

Die Ausstellung wird am Sonntag, 16 Uhr, durch Bischof Heinz Josef Algermissen eröffnet. Ansprachen halten Pater Prof. Dr. Elmar Salmann und Prof. Dr. Bazon Brock. Uraufgeführt wird eine Komposition nach Shakespeare-Vertonungen von Helmut Krausser. Zu sehen bis 18.9., Mo-Sa 11-20, So 12-20 Uhr, Eintritt frei. Vortragsreihe immer sonntags, 16.30 Uhr, Musikprogramm in der Regel mittwochs, 18 Uhr. Führungen Mi/Sa 16.30 Uhr, So 15 Uhr und n.V., Infotelefon: 0561/16746.

www.katholische-kirche-kassel.de/stephan_balkenhol

Tatsächlich will Balkenhol seine Figuren jeder Festlegung befreien, von Prägungen entkleiden, sozusagen archaische Menschenbilder schaffen. Zwar macht er Vorschläge zur Deutung, gibt er Hinweise (wie das blaue Kleid der Maria, bei Adam und Eva, bei einer Todesdarstellung). Ob aber der Mann auf dem Turm segnet, lebensmüde ist oder gar ein Tänzer, das müssen schon die Betrachter für sich selbst entscheiden.

Balkenhols Skulptur steht in unmittelbarer Nähe des zentralen Platzes, um den herum bald die weltweit bedeutendsten Schau für zeitgenössische Kunst stattfindet. Die Ausstellung gehört nicht zur documenta, sondern ist Teil einer Begleitausstellung der katholischen Kirche. Auch die evangelische Kirche wollte in Kassel eine Begleitschau mit dem Künstler Gregor Schneider organisieren, hat aber offenbar nach Kritik der documenta darauf verzichtet.

Nach Angaben des documenta-Geschäftsführers fühlt sich Christov-Bakargiev von der Figur „bedroht“. Die Skulptur sei „ein Eingriff in die Freiheit der documenta“. „Das Prinzip von Kunst ist die Freiheit“, konterte Balkenhol am Freitag. Christov-Bakargiev strebe eine Öffnung und Erweiterung des Kunstbegriffs an, „gleichzeitig schließt sie ganz bestimmte Sachen aus“. Das „Bedrohungspotenzial“ seiner Figur sei „sehr gering“. (vbs/dpa)

Quelle: mydocumenta

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