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Volker Beck über Antisemitismus auf der documenta: „Da quieken ja die Judensäue“

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Von: Matthias Lohr

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Der innenpolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, Volker Beck, gibt am 04.02.2015 in Berlin eine Pressekonferenz. Der Grünen-Politiker ist von der Polizei mit dem Rauschgift Crystal Meth gefasst worden. Beck legte seine Ämter nieder. Foto: Jörg Carstensen/dpa (zu dpa „Grünen-Bundestagsabgeordneter Volker Beck legt Ämter nieder“ vom 02.03.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Seit diesem Jahr Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft: Grünen-Politiker Volker Beck. © Jörg Carstensen

Volker Beck von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ist einer der härtesten Kritiker der documenta. Wieso verurteilt er mehr als 1500 Künstler wegen eines angeblichen „antisemitischen Feuerwerks“?

Kassel – Mit deutlichen Worten hat Volker Beck die documenta nach dem Antisemitismus-Eklat kritisiert. Der Grünen-Politiker, der seit diesem Jahr Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ist, nennt die documenta fifteen eine „documenta der Schande“ und schlug vor, die weltweit immer noch wichtigste Kunstausstellung in Kassel zu beenden und woanders neu zu beginnen. Wir sprachen mit dem 61-Jährigen.

Wann werden Sie sich die documenta anschauen?

Das kann ich noch nicht sagen. Diesen Monat ist sicher kein Platz in meinem Terminkalender. Ich wollte mir aber, wenn möglich, noch selbst einen Eindruck von der documenta verschaffen.

Den Weggang von Sabine Schormann haben Sie als überreif bezeichnet und zugleich gefordert, der Aufsichtsrat müsse auch zurücktreten. Warum reichen Ihnen die fünf Punkte, die der Aufsichtsrat beschlossen hat, nicht aus?

Weil das alles zu spät kommt. Jetzt will man eine wissenschaftliche Begleitung, einen Monat nach der Eröffnung! Warum hat man sich nicht schon im Januar dafür entschieden, als es die ersten Warnungen gab? Es gab keine Sicherungen. Solche Maßnahmen verbindlich einzufordern, wäre Aufgabe des Aufsichtsrates gewesen.

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documenta in Kassel: „Antisemitismus ist in der Regel nicht strafbar“

Der Aufsichtsratsvorsitzende, Oberbürgermeister Christian Geselle, hat immer wieder die Kunstfreiheit betont. Sehen sie die nicht in Gefahr?

Nein, der Oberbürgermeister hat zunächst mit einem absurden, ja schon fast nihilistisch zu nennenden Begriff von Kunstfreiheit hantiert. Erst jetzt hat er die Kehrtwende angetreten. Bloß weil etwas nicht strafbar ist, heißt das noch lange nicht, dass es uneingeordnet auf eine Ausstellung gehört. Das Strafrecht ist letztes Mittel, ultima ratio, der Politik. Antisemitismus ist in der Regel nicht strafbar. Wenn aber unsere Werte von Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit nicht auch jenseits des Strafbaren von gesellschaftlicher Verantwortung getragen werden, sind wir gescheitert.

In Geselles Kunstfreiheitsbegriff hallt noch die neo-idealistische Deutung des Nationalsozialisten und documenta-Mitbegründers Werner Haftmanns nach, der das künstlerische Klima Deutschlands „im Sinne des Klaren, Bewussten und Beständigen […] beeinflussen“ wollte. Diese documenta war ein Skandal mit Ansage. Man hat Kuratoren und Künstler mit einer Nähe zu BDS eingeladen. Das Konzept war das Nichtkuratieren, der offene Prozess. So konnten Kunstwerke mit antisemitischen Inhalten gezeigt werden.

Das einzige Kunstwerk mit einem antisemitischen Motiv, das Banner von Taring Padi, ist längst abgebaut.

Es gibt noch viel mehr Problematisches und Antisemitisches, das man nicht unkommentiert und uneingeordnet präsentieren sollte: weitere Ungeheuer mit Magen David, die Bilderserie „Guernica Gaza“ im WH 22 oder die Filme des Kollektivs Subversive Film in den Hübner-Hallen mit Filmmaterial der Japanischen Rote Armee Fraktion, die für das Massaker 1972 am israelischen Flughafen Lod verantwortlich ist, das 26 Menschenleben forderte. Auf der Webseite der documenta wird das als „antiimperialistische […] Solidaritätsbeziehung zwischen Japan und Palästina“ aufgehübscht.

Ein anderer palästinensischer Künstler und Hisbollah-Sympathisant, Hamja Ahsan, spielt vorgeblich satirisch mit Akronym und Symbolik der terroristischen Volksfront zur Befreiung Palästinas PFLP und der Al-Aqsa-Brigaden, deren Blutspur bis in die jüngste Vergangenheit führt. Das ist Terrorverharmlosung, Verkehrung der Geschichte und die Diabolisierung Israels. Was soll das sonst sein als Antisemitismus? Von wegen: Antisemitismus hat keinen Platz in Kassel, da quieken ja die Judensäue. 

Beck: „Antijüdischer Ausschluss“ auf der 15. documenta

Die documenta haben Sie als „antisemitisches Feuerwerk“ bezeichnet. Ist das nicht die pauschale Vorverurteilung der mehr als 1500 Künstler, vor der etwa Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank warnt?

Es findet keine Vorverurteilung statt. Die Werke sind ja zu sehen. Wenn ich von einem „antisemitischen Feuerwerk“ rede, heißt das nicht, dass alle Künstler auf der documenta antisemitische Werke zeigen. Es gibt aber sehr Problematisches, was hier zu sehen ist und das muss man auch klar benennen. Es gibt 84 Namen, die israelfeindliche Texte wie den „Letter against Apartheid“ und andere Aufrufe zum Israel-Boykott unterschrieben haben. Und es gibt keinen einzigen jüdisch-israelischen Künstler und kein israelisches Kollektiv auf der documenta. Ich behaupte: Das ist kein Zufall. Selbst wenn man alles Antisemitisches und alles, was die Menschenwürde verletzt, entfernt hätte, bliebe die 15. documenta für immer mit diesem antijüdischen Ausschluss kontaminiert.

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Laut Ruangrupa ist mindestens ein jüdischer Künstler aus Israel vertreten.

Dann sollen sie den Namen nennen. Ich weiß nur von einem palästinensischen Israeli und einem Kollektiv aus der Westbank.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die internationalen Kritiker und auch die Besucher die documenta fifteen fast ausnahmslos feiern, in Deutschland aber nur über Antisemitismus geredet wird?

Ich weiß gar nicht, ob das so ist. Ich bin kein Fachmann für internationale Feuilletons. Ich moniere ein Problem, das es zweifelsohne auf der documenta gibt. Nach dem Abbau des Taring-Padi-Werks ist nichts mehr passiert. Das Nichthandeln der Verantwortlichen läuft wohl darauf hinaus, dass die weiteren problematischen Kunstwerke erst einen Monat nach dem Ende der documenta im Oktober abgebaut werden.

In den Werken von Taring Padi werden fast alle gesellschaftlichen Figuren als Schweine oder Ratten dargestellt. Dies gehört zur Bildsprache Indonesiens. Warum ist die Entmenschlichung von Menschen generell okay, wenn aber ein Mossad-Soldat wie Agenten anderer Geheimdienste auf diese Weise dargestellt wird, ist es antisemitisch?

Ich habe mir die Figuren auf dem Banner angesehen und habe es nicht so gesehen wie Sie.

Auch andere Geheimdienste werden dort als Tiere dargestellt.

Das Schwein ist ein antijudaistischer Klassiker, wie etwa auch die „Judensau“ an der Wittenberger Stadtkirche oder am Kölner Dom beweist. Außerdem kommt ja noch die „jüdische Ratte“ mit Pejes und Hut, auf dem die Sigrune der SS prangt, hinzu. Zeitungsberichte zeigen: In Indonesien gibt es durchaus eine problematische Rezeption nationalsozialistischer Ikonografie und problematische Haltungen zu Hitler und Antisemitismus. Offensichtlich haben Taring Padi sich damit nicht kritisch auseinandergesetzt. Auch die Erklärung von Taring Padi hat mich nicht überzeugt. Sie war sehr teflonartig. Die Künstler sollten in sich gehen und sich selbst reflektieren.

Beck: „BDS in seiner Vorgehensweise und Wirkung ist antisemitisch“

Der Bundestag hat als einziges Parlament der Welt BDS als antisemitisch verurteilt. Ihre Parteifreundin, die Kulturstaatsministerin Claudia Roth, hat die Entscheidung nicht mitgetragen. Unter anderem haben mehr als 60 jüdische und israelische Wissenschaftler davor gewarnt, die BDS-Kampagne mit Antisemitismus gleichzusetzen. Auch andere wie etwa die Schriftstellerin Eva Menasse, die BDS kritisch sehen, halten den Beschluss für wenig hilfreich. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Dass nur das deutsche Parlament BDS verurteilt habe, ist eine kühne Behauptung: Österreich, Tschechien, Kanada, US-Repräsentantenhaus und zahlreiche US-Bundesstaaten wären da neben Israel zumindest zu nennen. Aber richtig ist: Nicht jeder, der BDS unterstützt, ist ein Antisemit, man kann BDS auch aus Dummheit oder Naivität unterstützen. Aber BDS in seiner Vorgehensweise und Wirkung ist antisemitisch. 

Ist es nicht anmaßend, wenn Deutsche Palästinensern vorschreiben wollen, wie sie friedlich gegen die israelische Besatzungspolitik protestieren sollen?

Keine Legendenbildung: Die 84 BDS-Freunde der documenta sind doch nicht alles Palästinenser. Selbstverständlich können Palästinenser auch gegen die Besatzung demonstrieren, die Infragestellung des jüdischen und demokratischen Staates ist allerdings nicht legitim. Aber ich erwarte auch, dass man reflektiert, dass es keine Besatzung ohne den ägyptisch-jordanischen Angriff von 1967 auf Israel gegeben hätte. Außerdem verkennen Sie die Verbindung von BDS-Organisationen zu Terrororganisationen.

Wieso ist BDS gerade im Kulturbetrieb so populär, nicht nur in Deutschland, viel mehr noch in den angelsächsischen Ländern?

Das hat mit dem postkolonialen Zeitgeist zu tun. Im Vulgär-Postkolonialismus wird Israel als Kolonisierer phantasiert. Die erste Kolonie ohne Mutterland. Hanebüchen. Man will auf der Seite der Unterdrückten stehen, ohne sich den Kontext anzuschauen. Der Überfall der arabischen Staaten auf Israel 1948 und 1967 wird einfach ausgeblendet. Im Originalaufruf von BDS geht es nicht um die Rückgabe der Westbank und des Gazastreifens. Dort wird Gesamt-Israel als Besatzung gesehen. BDS sorgt dafür, dass nicht nur Tomaten aus den besetzten Gebieten boykottiert werden, sondern auch jemand wie die linke israelische Wissenschaftlerin und Konfliktforscherin Shifra Sagy, die in Südafrika aber nicht bei einer Konferenz über Traumata von Kolonialismus und Rassismus auftreten durfte, weil sie als Israelin BDS Südafrika und Achille Mbembe nicht passte.

Sie haben auch geschrieben, dass jetzt womöglich der Zeitpunkt gekommen sei, mit der documenta „ein Ende zu machen und woanders völlig neu zu beginnen“. Was haben Sie gegen Kassel? Und was sollte in Berlin anders sein?

Ich habe nichts gegen Kassel. Ich habe mir das nur etwas feuilletonistisch angeschaut: Man kann die Serien der documenta auch als Gesamtkunstwerk lesen. Auf der ersten documenta wurden jüdische Opfer der Shoa von einem Nazi aussortiert, der eine Geschichte von der Moderne erzählen wollte, dass Hitlers Kriegs- und Vernichtungspolitik die innere Substanz der Künstler nicht berührt habe. Und auf der documenta fifteen feiert der BDS seine Ausschlusspolitik. Bode ließ sich von der Inszenierung des Guernica-Bildes im Mailänder Stadtschloss Palazzo Reale inspirieren, mit Mohammad Al Hawajris Zyklus „Guernica Gaza“ ist die Schuldzuschreibung nun von Deutschland auf Israel übergegangen. Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn die documenta woanders weitergehen würde. Da schließt sich doch politisch wie auf der Bedeutungsebene in seltsamer Weise ein Kreis. Zum Ende wird es sicher nicht kommen, da die Ausstellung wirtschaftlich sehr wichtig ist für die Stadt. Auch der Aufsichtsrat wird wohl nicht freiwillig zurücktreten. Trotzdem: Wenn der Aufsichtsrat und die Gesellschafter ein halbes Jahr brauchen, um tätig zu werden, sind sie die falschen auf diesen Posten.

Kann die documenta fifteen Ihrer Ansicht nach noch gerettet werden?

Egal, wie es bis zum Ende der Ausstellung weitergeht: Danach muss ein intensiver Prozess der öffentlichen Selbstreflexion und -kritik beginnen. Man muss sich Fragen stellen wie: Warum stört es so viele Leute nicht, wenn man jüdische Israelis ausschließt von einer Kulturveranstaltung, weil sie Israelis sind? Bei Antisemitismus müssen wir aufmerksamer werden. Es geht nicht, am 27. Januar und 9. November mit unseren Tränen die Synagogen zu fluten und den Rest des Jahres BDS zuzujubeln. (Matthias Lohr)

Anmerkung der Redaktion: Der israelische Luftschlag vom Juni 1967 gilt laut Nahostexperten (anders als Beck behauptet) als Präventivschlag. Recht hat er bei seinen Ausführungen zu BDS: Unter anderem der US-Kongress, Österreich und Kanada haben Anti-BDS-Beschlüsse verabschiedet.

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