documenta-Leiterin schockiert über Skulptur auf Turm von St. Elisabeth

Kassel. Der Feuerwehralarm wegen eines befürchteten Suizidversuchs am Montag war nicht der einzige Schock, den Stephan Balkenhols Skulptur eines Mannes mit ausgebreiteten Armen im Kirchturm von St. Elisabeth mittlerweile ausgelöst hat.

Aktualisiert um 13.50 Uhr

Die Leiterin der documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, zeigte sich im Gespräch mit der HNA am Dienstag „schockiert“ über dieses Kunstwerk: „Ich kam aus meinem Haus und wurde von dieser großen Figur mit ausgebreiteten Armen im Kirchturm überrascht.“

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Der Anblick war ein mehrfacher Schreck für die documenta-Leiterin, die vom bisher „traurigsten Erlebnis“ in Kassel sprach. Schockiert war Christov-Bakargiev, weil sie nicht über das Projekt einer Skulptur im Kirchturm informiert worden war. Traurig, weil dieses „äußerst spektakuläre Kunstwerk am höchsten Punkt des Friedrichsplatzes“ die Art und Weise konterkariere, wie die documenta 13 diesen Platz künstlerisch bespielen wolle.

Am Friedrichsplatz wolle sie die ökologische Perspektive der documenta 13 verdeutlichen. Der Mensch, der nur ein kleiner Teil des ökologischen Systems sei, solle an diesem für die documenta zentralen Ort nicht thematisiert werden: „Es wird hier keine künstlerische Repräsentation des Menschen geben.“

Zwei Beispiele für ihre Idee von behutsamer Kunst nannte Bakargiev: Auf der eingezäunten Fläche vor AOK und Elisabeth-Kirche bereitet die Künstlerin Kristina Buch ein „subtiles und ausdrücklich nicht spektakuläres Kunstwerk“ vor: Ein Garten mit speziellen Pflanzen, die als Biotop für Schmetterlinge dienen. Auch die bereits in der Aue existierende Baum-Skulptur von Giuseppe Penone sei „bescheiden, nahe beim Menschen“. Aber jetzt throne diese triumphale Figur, die an das Kreuz-Symbol erinnert, über dem Friedrichsplatz.

Bakargiev betonte, sie kritisiere nicht das Kunstwerk und den Künstler: „Balkenhol ist ein guter Künstler, seine Arbeit ist stark.“ Aber sie wirke „gewaltsam“ im Kontext der documenta 13. „Balkenhol hätte mit mir reden müssen“, sagt Bakargiev.

In einem Telefongespräch habe sie ihn nun zwar nicht direkt aufgefordert, die Figur zu entfernen („auch das wäre gewaltsam“), aber sie habe deutlich gemacht, dass sie glücklich wäre, wenn die Skulptur nicht an ihrem Ort bliebe.

Skulptur auf Kirchturm von St. Elisabeth

Vorwürfe erhebt Bakargiev gegenüber den Verantwortlichen der St. Elisabeth-Kirche. Documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld habe schon 2011 darum gebeten, dass bei der Ausstellung auf Außenskulpturen am Friedrichplatz verzichtet werde. Das sei zur Kenntnis genommen worden. Doch nun sei statt etwas Spektakulärem vor der Kirche „etwas noch viel Spektakuläreres“ im Turm realisiert worden. „Das ist ein absolut unethisches Verhalten, das ist Trickserei“, sagte die documenta-Leiterin. Am Telefon habe der Künstler ihr versichert, er hätte die Skulptur nicht realisiert, wenn er Bakargievs Position gekannt hätte, sagte die künstlerische Leiterin. Balkenhol sagte aber am Dienstag, er schließe einen Abbau der Figur aus.

Von Werner Fritsch

Das sagt die Kirche: „Dieser Vorwurf ist ein grobes Foul“

Die documenta hat nie gern gesehen, wenn andere Künstler in dieser Zeit eigene Werke ausgestellt haben“, sagt Christoph Baumanns, der die Balkenhol-Ausstellung im Auftrag der katholischen Kirche betreut. Gleichwohl sehe man die Weltkunstschau auch als kreativen Anstoß, Kunst und Kirche zusammenzubringen. „Die documenta bietet ein wunderbares Forum zum Dialog.“ Das wolle man nutzen, wie übrigens viele andere Institutionen in Kassel auch, sagt der Projektleiter.

Im November 2011 habe es ein gemeinsames Gespräch mit Dechant Harald Fischer, Diözesanbaumeister Dr. Burghard Preusler und documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld gegeben. Leifelds Ansinnen sei gewesen, dass es zur documenta keine Ausstellung in der benachbarten Kirche geben solle. „Das war für uns keine Option“, sagt Baumanns.

Es sei bei der Maßgabe geblieben, dass sich jeder auf seinen Raum beschränken werde. „Aber die Aufforderung, dass wir auf Außenfiguren verzichten sollen, hat es expressis verbis nie gegeben“, stellt Baumanns klar. Auch zu den früheren documenten habe es Gespräche zwischen den Organisatoren der kirchlichen Ausstellung und der documenta-Geschäftsführung gegeben. „Nie war davon die Rede, dass die Kirche keine Außenfiguren aufstellen soll.“ Im Jahr 2002 hatte der Künstler Thomas Virnich vor der Kirche eine Skulptur platziert; 2007 war eine Lichtinstallation auf die Außenwand projiziert, erinnert Baumanns.

Er könne nicht nachvollziehen, nun „massiv angegangen und unter Druck gesetzt“ zu werden: „Zumal wir der documenta-Geschäftsführung im November 2011 vorgeschlagen hatten, ein gemeinsames Gespräch mit Frau Bakargiev zu führen“, sagt Baumanns. Dies sei seinerzeit jedoch abgelehnt worden.

„Uns nun mangelnde moralische Integrität und Trickserei vorzuwerfen, halte ich für ein grobes Foul.“ (abe)

Quelle: mydocumenta

Rubriklistenbild: © Fischer

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