Mein Lieblingskunstwerk: Mariam Ghanis „A Brief History of Collapses“

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Kulturschauplatz Afghanistan: Mariam Ghani verknüpft in ihrem zweiteiligen Video Aufnahmen des Fridericianums mit einem Rundgang durch den zerstörten Darul-Aman-Palast in Kabul.

Immer wieder verschwindet die Frau aus dem Bild, die ganze Zeit läuft man ihr nach, ohne sie je zu erreichen. Eigentlich sind es zwei Frauen und zwei Gebäude, durch die sie laufen: das Fridericianum in Kassel und der Darul-Aman-Palast in Kabul, der afghanischen Hauptstadt.

„A Brief History of Collapses“ (Eine kurze Geschichte der Zusammenbrüche) hat Mariam Ghani ihre Videoinstallation genannt, die auf zwei Leinwänden im Fridericianum läuft. Der Beobachter bewegt sich mit der Kamera parallel durch die beiden Gebäude und durch ihre Geschichte, die viel mit Krieg und Gewalt, aber auch mit Kultur und dem Verlust derselben zu tun haben.

In lapidarem Tonfall berichtet eine Frauenstimme in englischer Sprache (deutsch per Kopfhörer) aus der Historie der beiden Bauten, die Museum, Parlamentsgebäude, Bibliothek, Friedhof, Ruine und vieles andere waren und sind.

Der Text wird so kompakt und schnell vorgetragen, dass man schnell den Überblick verlieren kann. Zudem wird erklärt, dass längst nicht alles wahr sein müsse, was die Sprecherin berichtet. Geschichte und Geschichten also, Mythen und Märchen – so vielfältig und verwirrend wie die Geschichte dieser beiden außergewöhnlichen Bauten selbst und so flüchtig wie die beiden Frauen.

Faszinierend ist, welche Verbindungen es zwischen Kassel und Kabul gibt, etwa die Henschel-Lokomotive, die einst in Afghanistan fuhr. Gerade deswegen ist „A Brief History of Collapse“ mein Lieblingskunstwerk, denn ich hatte vor einigen Jahren die Gelegenheit zu einer Reise nach Kabul, die bis heute nachwirkt.

Damals sagte man uns, der Palast sei nicht zugänglich, weil dort Landminen lägen. Der 13. documenta ist es zu verdanken, dass Afghanistan nicht nur als Kriegs-, sondern auch als Kulturschauplatz wahrgenommen wird.

Olaf Dellit

Es lohnt sich, Ghanis aufwendig recherchierte Filmarbeit zwei- oder dreimal zu sehen, und selbst dann bleiben nur Bruchstücke haften. Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen möchte, dem sei auch das Buch „Afghanistan: A Lexicon“ von Mariam und Ashraf Ghani in der documenta-Reihe „100 Notizen – 100 Gedanken“ empfohlen (englischsprachig, acht Euro).

Vielleicht gelingt es damit, den schemenhaften Frauen in Ghanis Video gefühlt etwas näher zu kommen.

Von Olaf Dellit

Quelle: mydocumenta

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