Initiatoren der Anti-documenta-Petition sprechen über ihre Beweggründe

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„Neidisch sind wir nicht“: Lukas Julius Kejser (links, 40) und Daniel Chluba (28) vor Teilen von Kejsers Arbeit „Dear Deidre“ im temporären Kunstraum „Sur la Montagne“ in Berlin-Mitte.

Berlin. An diesem Abend wird Daniel Chluba nicht mehr in die Wanne steigen. Auf dem Bürgersteig, wo der Jacuzzi stehen sollte, finden sich nur weiße Buchstaben: „Hier findet heute keine Badeperformance statt.“ Den Stöpsel hat die Bürokratie gezogen:

Die Kommission für Kunst im Stadtraum Berlin-Mitte hat kein öffentliches Interesse festgestellt und die Plansch-Aktion verboten. Immerhin bleibt so mehr Zeit, über die Anti-documenta-Petition zu reden, die Daniel Chluba mit Berliner Künstlerfreunden gestartet hat. Inzwischen stehen 56 Namen auf der Website mit dem Titel „Adam Szymczyk, wir wollen nicht zur documenta 14“ (wir berichteten). Die Liste ist eine öffentliche Absage, bevor irgendjemand überhaupt gefragt wurde.

Daniel Chluba ist Adam Szymczyk nie begegnet. An die Berlin Biennale, die der neue documenta-Chef 2008 mitkuratierte, kann er sich nicht erinnern. Und als das Gespräch bei der Petition landet, muss der 28-Jährige erst mal lachen. „Es ist, was es ist“, winkt er ab. „Bin ich jetzt bekannt in Kassel?“

Obwohl er die Aktion als Stammtisch-Spaß bezeichnet, enthält seine Abneigung einen Kern Überzeugung - nicht speziell gegen Adam Szymczyk, sondern gegen die Kultur-Großereignisse, die er „Stadionkunst“ nennt. „Die documenta war das Naheliegendste“, sagt er. „Aber es gibt viele Events, die in der HD-Falle sitzen. Alles muss geil und groß und aufgeblasen sein.“

Chluba, der 2012 abseits der documenta in Kassel ausstellte, will für seine Petition kein Ziel formulieren. „Bis 2017 kann viel passieren“, sagt er. „Und falls sich Adam Szymczyk meldet, reden wir nochmal.“

Auch Lukas Juljus Keijser hat die Petition unterschrieben und wehrt sich gleich gegen den unausgesprochenen Vorwurf. „Neidisch sind wir nicht“, sagt der gebürtige Holländer, der wie Daniel Chluba an der Universität der Künste studiert hat. „Ich mag es nur lieber, wenn Kunst außerhalb der Kunstszene stattfindet.“

Als Beispiel nennt er eine Imbissarbeit, bei der seine Papp-Bilder von Pommes und Hamburgern auf einer Messe für 900 Euro verkauft wurden. Vor dem Gebäude stand Kejser mit einem Imbisswagen und verschleuderte die gleichen Werke zum Preis einer Currywurst. „Ich schaffe gern meine eigenen Bedingungen“, sagt der 40-Jährige. Dann setzt er ein Schlitzohr-Lächeln auf. „Ich bin ja jetzt Teil der documenta. Aber auf meine Art.“

An diesem Abend präsentiert er seine Arbeit „Dear Deidre“, gegen die die Behörden im Gegensatz zur Badewanne nichts einzuwenden haben. 50 Tage lang hat er Briefe an die britische Kummerkastentante Deidre Sanders geschrieben. An Humor fehlt es dem documenta-Ablehner zumindest nicht: Die Fragen reichen von „Warum sind alle meine Freunde depressiv?“ bis zu „Warum mag ich eigentlich Phil Collins nicht?“.

Von Saskia Trebing

Quelle: mydocumenta

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