Domfestspiele: Turbulentes Musical „Highway To Hellas“

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Entschleunigung: Auf der Insel Paladiki wird Banker Jörg Geissner (Dirk Weiler) vom Esel (Fehmi Göklü) gezogen. In der Dorfkneipe vergnügen sich Bürgermeister (Udo Eickelmann, von links) und Minimarktbesitzer Panos (Ron Holzschuh) mit weiteren Gästen.

Bad Gandersheim. Ein starkes Ensemble schaffte es mit schmissigem Gesang und tollen Choreografien, mit dem Musical bei den Bad Gandersheimer Festspielen Sehnsucht nach dem Süden zu erzeugen.

Bad Gandersheim. Wie lässt sich vor der wunderschönen Kulisse der Bad Gandersheimer Stiftskirche mit der notgedrungen pragmatisch-kargen Bühneneinrichtung der Domfestspiele südländisches Flair herbeizaubern?

Dem Festival-Team gelang es beim Musical „Highway To Hellas“ glänzend, wie bei der Premiere Freitagabend der starke Beifall nach dem fulminanten Finale zeigte. Regisseur Achim Lenz schaffte es dank engagierten Schauspielern, schmissigem Gesang, tollen Choreografien (Marc Bollmeyer) und der gut aufgelegten achtköpfigen Festspielband (musikalische Leitung: Ferdinand von Seebach), Sehnsucht nach dem Süden zu erzeugen.

Cornelia Brey (Bühne) hat Sperrholzwände mit Postkartenansichten und zahlreichen Luken aufgebaut, blitzschnell verwandelt sich die Szenerie vom Minimarkt des Schürzenjägers Panos (Ron Holzschuh, „Dübeln ist was für Deutsche, ein Grieche nagelt“) ins Chaos-Büro des Bürgermeisters Spyros (Udo Eickelmann) oder in die Taverne, in der es sich Arzt Dr. Yannis (Fehmi Göklü) allzu gutgehen lässt. Blaue Stoffbahnen liefern das Meer.

Die Geschichte des „deutsch-griechischen Sommermusicals“ vom Autorenteam Arnd Schimkat, Moses Wolff, Heiko Lippmann und Intendant Christian Doll ist schnell erzählt. Die Bewohner der paradiesischen Insel Paladiki haben reichlich deutsche Kredite in Anspruch genommen, angeblich für ein Elektrizitätswerk und eine neue Krankenstation. Bankangestellter Jörg Geissner reist an, um nachzuschauen, wo das Geld geblieben ist.

Der Kontrolleur wird von den Inselbewohnern hingehalten und trickreich an der Nase herumgeführt – an Klischees, die munter auf die Schippe genommen werden, wird nicht gespart. Es steht auch von Anfang an fest, dass der strenge Paragrafenreiter geläutert wird, dem Charme des entschleunigten Insellebens und der feucht-fröhlichen Geselligkeit der Dorfkneipe erliegt.

Wie aber aus dem verkrampft-verklemmten Jörg mit Krawatte und Floskeln von Pflichten und Effizienz ein Jörgos wird, der auch mal fünfe gerade sein und sich gehen lassen kann, das führt Dirk Weiler plausibel und vergnüglich vor: Er gibt den stocksteifen Spießer, der sich vorsichtig an ein von Zwängen befreites Leben herantastet.

Selbstverständlich, auch das darf man verraten, fliegt der Schwindel mit den Krediten auf, und trotzdem fügt sich am Ende alles, fast so plötzlich wie in der Barockoper, aufs Schönste: Friede, Freude, Moussaka.

Mit Extra-Applaus bedacht im gut harmonierenden Ensemble wurde Christine Dorner als sich im Chefsessel lümmelnder Bankvorstand, der seinen Angestellten mit Anrufen terrorisiert – wenn der Keyboarder das brutale Handyklingeln einspielt, verfliegt jede Ferien-Euphorie. Hervorzuheben ist auch das Solo von Nicolai Schwab als junger Dimitris, Sohn von Hotelbesitzerin Maria (Tabea Scholz), der seinem Vater näherkommt – eine Nebenhandlung ohne besondere Tiefe. Doch der sommerlich-leichte Spaß bietet neben schönen Melodien und wirbelnden (Sirtaki--)Tänzen manchen Knalleffekt – im Wortsinn. Wenn Esel und Ziegen aufmarschieren (Kostüme: Sophie Reble), gibt es im vollen Rund viele Lacher. Den Ovationen folgte eine Zugabe. Darauf einen Ouzo!

Nächste Termine: 15., 17., 18., 25., 26., 29.6., Karten: Tel. 05382/73777, www.gandersheimer-domfestspiele.de

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