Erstaufführung von Kreneks Oratorium „Symeon der Stylit“ gefeiert

Höchste Intensität: Eckhard Manz (vorn links) dirigiert das Kasseler Vocalensemble und das Ensemble Studio Musikfabrik. Foto: Malmus

Kassel. Die Fremdheit seines Stoffes war Ernst Krenek sehr wohl bewusst, als er in den Jahren 1935/36 das Oratorium „Symeon der Stylit“ komponierte. „Ich glaube nicht, dass Symeon ohne Gottes Willen auf der Säule gestanden“, lässt Krenek den Mezzosopran, der hier eine Art Evangelistenrolle einnimmt, zu Beginn singen.

Das Wort „Gott“ auf dem hohen As sticht aus dem musikalischen Satz heraus. Es geht für Krenek also bei der Geschichte des ersten Säulenheiligen nicht um irgendeinen religiösen Exzentriker, sondern um eine extreme, subjektiv notwendige Form des Glaubenszeugnisses.

Wie sehr Krenek sich diesem syrischen Heiligen aus dem 5. Jahrhundert nahe gefühlt haben muss, das vermittelt er mit seiner ungeheuer dichten und ausdrucksstarken Musik, die am Samstag bei den Kasseler Musiktagen in der Martinskirche unter der Leitung von Kantor Eckhard Manz ihre deutsche Erstaufführung erlebte.

Die Eindringlichkeit dieser Musik wird verständlich, wenn man Kreneks Situation in den 30er-Jahren betrachtet: Aus einem jungen Erfolgskomponisten, der mit seiner Oper „Jonny spielt auf“ die Bühnen erobert hatte, war unter den Nationalsozialisten ein Verfemter geworden. Im Christentum erblickte Krenek das letzte Bollwerk gegen die menschenverachtenden Ideologien seiner Zeit. Der Säulenheilige Symeon war ihm da ein Symbol der Standhaftigkeit im doppelten Sinne - zudem einer, der als Skandalfigur wie Krenek selbst im Kreuzfeuer von Bewunderung und Ablehnung stand.

Radikal ist Kreneks Musik auch, weil sie keine Rücksicht auf Probleme der Aufführung nimmt. Von den Kommentaren des Sprechers (Jürgen Wink) abgesehen, greifen die Partien der Solisten und des Chores meist ineinander, die Texte der Erzählung (deutsch) und der Psalmen (lateinisch) überlagern sich, und das 16-köpfige Instrumentalensemble ist oftmals solistisch ins Geschehen einbezogen.

Es war eine musikalische Glanzleistung, wie das Kasseler Vocalensemble, die Solisten Elisabeth Holmer (Erzählerin/Mezzo), Johanna Winkel (Sopran), Markus Ahme (Tenor), Eckhard Abele (Bass) und das junge Instrumentalensemble Studio Musikfabrik, mit dieser schwierigen Partitur umgingen. Kaum hoch genug einzuschätzen ist dabei die Leistung des Tenors Markus Ahme, der kurzfristig für einen erkrankten Kollegen eingesprungen war.

Die äußerst intensive Darbietung unter Manz’ Leitung ließ die existenzielle Tiefe dieser Musik spürbar werden, die eine ganz außergewöhnliche Form einer künstlerischen Selbstvergewisserung darstellt.

Vor das Oratorium hatte man das „Quartett für das Ende der Zeit“ (1941) von Olivier Messiaen gestellt. Katalin Hercegh (Violine), Stefan Hülsermann (Klarinette), Wolfram Geiss (Violoncello) und Hellmuth Vivell (Klavier) überzeugten mit einer klangsensiblen, ruhevollen Darbietung.

Die 400 Besucher in der Martinskirche spendeten langen Applaus.

Von Werner Fritsch

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