Nur fast ein Totalbankrott: Das neue Album von Phoenix

Phoenix
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Gelten vielen als die wichtigste Band der ersten Dekade im neuen Jahrtausend: Die Gitarristen Laurant Brancowitz (von links) und Christian Mazzalai, Sänger Thomas Mars sowie Bassist Deck D’Arcy sind Phoenix.

Es gab eine Zeit, da schauten Musik-Fans aus der ganzen Welt neidisch nach Frankreich. Mit dem Duo Daft Punk revolutionierten die deutschen Nachbarn Techno und House, Air verwischten mit ihrem Easy-Listening-Sound die Grenzen zwischen analoger und digitaler Musik, aber die coolste Band aus Frankreich war Phoenix.

Die vier Söhne der gehobenen Bürgerschicht aus dem Pariser Vorort Versailles machten Pop, der zu schweben schien. Regisseurin Sofia Coppola unterlegte ihre Kinofilme wie „Lost in Translation“ mit den Songs. Und als Phoenix vor vier Jahren ihr viertes Album „Wolfgang Amadeus Phoenix“ nannten, war das nicht übergeschnappt, sondern nur konsequent. Selten klang Pop perfekter.

Dafür bekam das Quartett einen Grammy und viel Lob. Nicht wenige Kenner halten Phoenix für die wichtigste Band der ersten Dekade im neuen Jahrtausend. Als die Gruppe 2009 im Berliner Techno-Club Berghain auftrat, glaubte ein Kritiker, „am Ende sogar fast das Meer zu sehen“.

Doch nun gibt es ganz andere Sinnestäuschungen. Sänger Thomas Mars ist mittlerweile mit der Filmemacherin Coppola verheiratet und hat mit ihr zwei Töchter. Als er ihr zum ersten Mal die Songs des neuen Phoenix-Albums vorspielte, dachte seine Frau, die Stereoanlage sei kaputt, wie er in einem Interview bekannte. Doch da war nichts kaputt. „Bankrupt!“ klingt so. Der Song „S.O.S. in Bel Air“ etwa ist gewollt übersteuert.

Gitarrist Laurant Brancowitz empfiehlt darum, das Album nicht gleich wegzulegen: „Je öfter du es auflegst, desto mehr hörst und verstehst du, was dort passiert. Gleichzeitig wollten wir aber auch, dass es richtig flüssig und einfach ist, wie eine Kugel aus Marmor. Zunächst siehst du einfach nur eine Kugel - aber es gibt einen Typen, der sie ein Jahr lang poliert hat.“

Phoenix haben mehr als ein Jahr an den Songs gearbeitet und sogar für 17 000 Dollar das Mischpult ersteigert, mit dem Quincy Jones das Meisterwerk „Thriller“ von Michael Jackson veredelt hat. Hören tut man das nicht. „Bankrupt!“ ist kein Bankrott, aber gepflegte Langeweile. Die Beats scheppern immer noch kalt über die Synthieflächen, aber abgesehen von der Single „Entertainment“ und „Drakkar Noir“, das vom gleichnamigen Parfüm erzählt, sind Phoenix keine wirklich guten Melodien eingefallen. Da hilft es auch nichts, dass sie ihre Musik mit dem Werk des Schriftstellers Stefan Zweig vergleichen.

Es ist eine hübsche Pointe, dass parallel zum Phoenix-Album die Daft-Punk-Single „Get Lucky“ erschienen ist. Die Disco-Funk-Nummer mit der Stimme von Pharrell Williams ist schon jetzt einer der himmlischsten Songs des Jahres. Man schaut doch wieder neidisch nach Frankreich.

Phoenix: Bankrupt! (Warner). Wertung: drei von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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