Kraftvoll, kantig, erhaben - ein Fest nicht nur für Fans

Ein Fest nicht nur für Fans: Bowie ist zurück

Film: Szene aus dem Videoclip zu „The Stars (Are Out Tonight)“. Foto:  nh
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Film: Szene aus dem Videoclip zu „The Stars (Are Out Tonight)“.

Es ist ein wirkliches Wunder, dass wir die Sache geheim halten konnten“, sagte Musikproduzent Tony Visconti zur musikalischen Überraschung des Jahres: dem neuen Album von David Bowie.

Es kommt buchstäblich aus dem Nichts, wurde geheim produziert. Ende der Woche erscheint es und kann im Internet bereits jetzt angehört werden.

„The Next Day“ ist von vorn bis hinten eine Freude, ein mitreißendes, durchdachtes, konzentriertes, unterhaltsames, fantastisches Album. Ein Fest, und das nicht nur für eingefleischte Fans des gebürtigen Londoners, der vom britischen Musikblatt „NME“ zum einflussreichsten Popstar der Geschichte erklärt wurde und dessen Rückkehr auf einhellige Begeisterung stößt.

Der erste Eindruck: „The Next Day“ hat Zähne, und es sind nicht die Dritten. „Where Are We Now“ klang bei aller Schönheit fragil und leise. Die Vorabsingle ist aus zwei Gründen untypisch für das Album: „Where Are We Now“ ist die einzige Ballade. Und es ist das einzige Lied mit offensichtlich autobiografischem Inhalt: Bowie erinnert sich hier an seine Zeit in Berlin in den Siebzigern, sein berühmtestes Werk „Heroes“ entstammt dieser Epoche. Sonst jedoch weiß man entweder gar nicht, worum es geht. Oder man liest, dass englische und russische Literatur in die Texte eingeflossen ist.

Manches könnte auch politisch sein, „The Next Day“ handelt zum Beispiel von einem Tyrannen, der Name wird nicht genannt. Der Protagonist von „I’d Rather Be High“ ist ein vom Krieg gezeichneter Soldat.

Der Titelsong zeigt mit seiner rockigen, treibenden Aggressivität gleich mal, wo es langgeht. Bowies Stimme ist hier sehr klar, sehr laut, sehr un-66-jährig. Überhaupt: Man kann von einem Rockalbum sprechen. „(Yoo Will) Set The World On Fire“ hat Energie, Tempo, viel Gitarre, bei „Valentine’s Day“ sticht zusätzlich das Schlagzeug heraus, auch „Boss Of Me“ und „Dirty Boys“ rocken, wenn auch auf eine langsamere, funkige Weise. „Dirty Boys“, das an den Seventies-Bowie erinnert, ist fast schon jazzig, überrascht mit einem Saxofon-Solo und klingt leicht verrucht.

Bei „Love Nis Lost“ wiederum fällt der Bass auf, aber ist das jetzt Rock, Wave, Pop? Irgendwie alles zusammen, für „If You Can See Me Now“ gilt selbiges. Kantig, psychedelisch und leicht soulig wird es in „Dancing Out In Space“. Zum Ende schüttelt Bowie dann noch ein paar Hymnen aus dem Ärmel. „You Feel So Lonely You Could Die“ klingt bereits traurig-sehnsüchtig, richtig dramatisch wird es im Schlusslied „Heat“. Bowies Stimme ertönt hier besonders kraftvoll und erhaben, eine Geige unterstreicht die Dramatik und Traurigkeit des Songs.

Überhaupt: Songs. Auf diesem Album gibt es keine Skizzen oder Halbfertiges. Sondern formvollendete Lieder, häufig mit viel Melodie. Das Paradebeispiel ist die neue Single „The Stars (Are Out Tonight“), das sich wohl ironisch mit dem Promikult (dem sich Bowie ja sehr galant zu entziehen versteht) beschäftigt, und in dessen Videoclip er zusammen mit Schauspielstar Tilda Swinton ein Ehepaar spielt.

Und David Bowie? Was macht er, um für das Album zu werben und den bisher verkauften 140 Millionen Alben weitere hinzuzufügen? Als Rob Stringer, der Boss von Sony Music, ihn fragte, wie er sich die PR-Kampagne vorstelle, da erwiderte er trocken: „Es gibt keine PR-Kampagne.“

David Bowie: „The Next Day“ (Sony),

Wertung: 5 von 5 Sternen, ab 8. März.

Es kann bereits bei iTunes angehört werden.

Von Steffen Rüth

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