Genialisch: Sophie Hunger im Kasseler Kulturzelt

Dramatische Dynamikwechsel: Sophie Hunger bei ihrem Auftritt im Kulturzelt. Foto: Zgoll
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Dramatische Dynamikwechsel: Sophie Hunger bei ihrem Auftritt im Kulturzelt.

Kassel. „Mir isch schwindlig, aber schwindlig beni ned“, sang sie einmal auf Schweizerdeutsch, und die Band schmiegte sich mit wohligen A-cappella-Harmonien an ihren Gesang. Schwindelig konnte einem werden bei der genialischen Sophie Hunger, so viel gab es im ausverkauften Kasseler Kulturzelt zu hören.

Pop kann komplexe Kunst sein - das war die frohe Botschaft ihres umjubelten Auftritts.

Von heftig krachenden Passagen bis zum traurigen Walzer, vom weich jazzigen Flügelhorn übers mal elegische, mal rockende Cello bis zur abenteuerlich anzusehenden Bassposaune Cimbasso: Außerordentlich detailfreudig waren die Arrangements von Hungers Songs. Dramatische Dynamikwechsel inbegriffen und effektvoll unterstützt von einer Lichtshow, die das bunte Klangeschehen punktgenau in wechselnde Farben tauchte.

Verletzlich und kraftvoll

Hunger sang verletzlich melancholisch wie kraftvoll, sie pendelte zwischen Klavier, akustischer und elektrischer Gitarre, und sie war mehrsprachig unterwegs. Englisch herrschte vor, einmal gab’s ein französisches Chanson („Le vent nous portera“), dann wieder ließ der gewitzt artifizielle Vortrag deutscher Zeilen aufhorchen: „Dreißig ist das neue zwanzig, der Mann ist die neue Frau, Freiheit ist das neue Gefängnis, und reich ist das neue schlau.“

Nun ist die 30-Jährige (erfreulicherweise) keine Künstlerin, die die Hälfte des Abends mit Zwischenansagen verbringt. Aber sie hatte warme Worte für das Team des Kulturzelts übrig, das die Musiker „unheimlich schön aufgenommen hat“. Und sie stellte ihre Mitmusiker sehr herzlich vor. Zu Recht, denn Alexis Anérilles, Sara Oswald, Alberto Malo, Simon Gerber und Mattis Cederberg bildeten eine fantastische Band. Singende Multi-Instrumentalisten wie das Geburtstagskind Alexis Anérilles, das sich mit den Tasten so gut auskannte wie mit dem Flügelhorn.

Siebzig Minuten folgte ein musikalischer Streich auf den anderen, bevor eine halbe Stunde Zugaben anschloss. Wie kommentierte jemand sprachlos auf der Facebook-Seite des Kulturzelts: „Mir gehen nun langsam die Worte aus.“

Von Georg Pepl