Raffinierter Werbegag

Hier rezensiert Hellmuth Karasek einen Ikea-Katalog

Itingen - Für viele das literarische Highlight des Jahres: der Ikea-Katalog. Doch was passiert, wenn man das Möbelheft einer literarischen Rezension unterzieht? Hellmuth Karasek hat einen Versuch gewagt.

"Eigentlich ist es ein Skandal, dass das meistverbreitete Buch der Welt mit einer Auflage von sage und schreibe fast 220 Millionen Exemplaren bisher nie rezensiert wurde." Von was spricht Hellmuth Karasek da? Vom Kassenschlager "Twilight"? Von Tolstois "Krieg und Frieden"? Nein, Karasek rezensiert den Ikea-Katalog, auf dem YouTube-Channel von "Ikea Schweiz".

Das Umfeld, in dem der 81-Jährige den nagelneuen Katalog rezensiert, ist dem Anlass getreu: Karasek sitzt in einem beigefarbenen (Ektorp?)-Ohrensessel vor vollbepackten (Billy?)-Bücherregalen, im Hintergrund ertönt klassische Klaviermusik. Das Werk trägt den Titel "Die kleinen Freuden des Alltags", der Verfasser heißt "Ikea", wie der Kritiker mit skeptischem Blick feststellt. "Es ist ein Buch, in dem wir uns wohl fühlen sollen", erklärt er.

"Vollgemüllt mit Gegenständen"

Ein bisschen kritisch wird das Werk dann aber doch beäugt. "Es erzählt viel, aber es ist sozusagen vollgemüllt mit Gegenständen", sagt Karasek. Aber, erkennt der Kritiker, es handelt sich ja um einen "möblierten Roman", da sind so viele Regale und Teppiche anstelle von Menschen schon in Ordnung. Die wenigen Personen hingegen müssten sich "zwischen die Möbel drängen", so Karasek, sie kämen kaum zu Wort. Trotzdem hat das Buch einen solchen Erfolg. Woran liegt das?

An dem dauernden Geduze der Ikea-Werbemenschen kann es nicht liegen. Der Kritiker findet das nämlich altmodisch und aufdringlich. Die Macher würden sich anrempelnd in das Leben des Lesers drängen, um ihm zu sagen, wie er zu schlafen hat und wie nicht. Karasek sucht nach einem Beispiel der literarischen Blüten des Werkes. Er bleibt in der Schlafzimmer-Abteilung hängen: "Gähn! Raus aus den Federn", liest er mit kritischem Blick. "Der Tag startet mit einem Morgenkuss der Sonne". Dies erscheine ihm sehr idyllisch, wenn er an sein persönliches Aufwachen denke, so Karasek. Doch es geht noch weiter im Text: "Die Batterien sind aufgeladen, Körper und Geist erfrischt. Wir blinzeln mit den Augen", Karasek stoppt und sieht skeptisch in die Kamera: "Eine komische Formulierung", findet er, mit was solle man denn sonst blinzeln, als mit den Augen?

Was fehlt dem Buch zum schöngeistigen Roman?

Zum Schluss wird es noch ein bisschen philosophisch: "Glück ist, wenn du ein superbequemes Sofabett, ein paar Beistelltische und eine gute Wi-Fi-Verbindung hast", liest der Kritiker vor, wobei er mehrmals über das "Wi-Fi" stolpert. Den Satz von Ikea lässt Karasek so stehen, er setzt aber mit einer anderen Glücks-Definition nach: "Glück ist, sagt allerdings Freud, als Dauerzustand im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen." Dann lächelt er süffisant und legt das literarische Werk beiseite. "Was fehlte dem Buch, wenn es ein schöngeistiger Roman wäre?", fragt sich Karasek und beantwortet die Frage postwendend: Alles fehle.

Man fragt sich aber auch bei der Rezension, was fehlt, damit es eine richtige Rezension à la "Literarisches Quartett" würde. Ganz einfach: Der Streit einer solchen Besprechung fehlt. Das aber liegt wohl daran, dass es sich um ein Werbevideo handelt. Witz hat es dafür umso mehr. Ein YouTube-User meint: "Fantastisch! Ich mag es, wenn Marken sich selbst nicht allzu ernst nehmen."

sb

Rubriklistenbild: © YouTube/IKEA CH

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