Interview: Tim Bendzko über Auftritte mit Elton John, Fußball und Musik

Tim Bendzko.

Er wollte ja gar nicht die Welt retten sondern ein Lied über Ausreden schreiben. Gerettet hat er auf jeden Fall den Sommerhit. Denn wann immer man zur Zeit das Radio einschaltet hört man Tim Bendzkos „Nur noch kurz die Welt retten“ und bekommt sofort gute Laune.

Teenager schwärmen von seinem Aussehen, das ein wenig an Schauspiel-Star Matthias Schweighöfer erinnert und gestandene Männer werden sentimental, wenn sie „Ich laufe“ hören. Was ist das für ein Typ, der gerade halb Deutschland verrückt macht? HNA-Redakteur Wilhelm Ditzel sprach mit dem 26-jährigen Berliner.

Sie waren einmal hoffnungsvoller Fußball-Nachwuchs auf dem Weg zum Profi beim 1. FC Union Berlin, Sportgymnasium usw. Interessieren Sie sich heute noch für Fußball?

Tim Bendzko: Selbstverständlich. Ich schaue mir viele Fußballspiele an und wann immer es mir die Zeit erlaubt, verfolge ich samstags mit Freunden die große Konferenzschaltung auf Sky.

Und dann schlägt Ihr Herz für?

Bendzko: TSG 1899 Hoffenheim, weil dort ein guter Freund mitspielt.

In Ihrer Biografie heißt es, dass sie sich schon als 10-Jähriger entschieden hatten, eines Tages Musiker zu werden. Was war der Auslöser dafür?

Bendzko: Es gab keinen direkten Auslöser. Ich fand damals zwar Michael Jackson toll, wie der so auf der Bühne stand und sein T-Shirt zerriss. Aber ich wollte bestimmt nie so etwas wie Michael Jackson machen.

Trotzdem haben Sie nach der Fußball-Laufbahn erst einmal Evangelische Theologie und Nichtchristliche Religionen studiert. War das eine Absicherung, wenn es mit der Musik nicht klappen sollte?

Bendzko: Nein. Ich wollte ganz einfach begreifen und verstehen lernen, was unter den Menschen in der Welt abläuft. Damit beschäftige ich mich bis heute und davon handeln auch viele meiner Lieder.

Als 16-Jähriger schrieben Sie ihre ersten Lieder aber erst mit 26 Jahren haben Sie Ihre erste CD veröffentlicht. Warum jetzt?

Bendzko: Weil ich im letzten Jahr das Gefühl hatte, dass jetzt alles stimmt. Die Texte, die Musik, die Stimmung in der Band.

Sind auf dem Album Songs, die Sie schon als 16-Jähriger geschrieben haben, oder haben sie eigens dafür neue Lieder geschrieben.

Bendzko: Halb und halb. „Keine Zeit“ entstand vor sieben, „Wenn Worte meine Sprache wären“ vor fünf Jahren. Es entstanden aber auch Stücke während der Aufnahmen im Studio und es gibt Lieder, die ursprünglich mal ganz anders klangen, also einen gewissen Prozess durchgemacht haben und jetzt ganz neu klingen.

Ist zuerst der Text oder die Melodie da?

Bendzko: Der Refrain ist da bevor der Song da ist. Ich habe eine Idee und dazu meistens auch sofort eine Melodie. Diese Grundidee dann mit Leben zu füllen, mit Worten, Aussagen, Tönen, das ist die eigentliche Arbeit und die ist sehr schwer.

Ein Beispiel?

Bendzko: Wenn man die Zeiten zusammenrechnet, dann habe ich an „Ich laufe“ garantiert drei Monate und länger gearbeitet, bis das Stück das ausdrückte, was ich mit der ursprünglichen Idee ausdrücken wollte.

Wie kommt man auf eine Idee wie „Ich muss mal kurz die Welt retten?

Bendzko: Ich saß mit zwei Freunden zusammen. Wir unterhielten uns darüber, dass man sich gerne vor wichtigen Aufgaben oder Pflichten drückt, indem man eigentlich ganz unwichtige Dinge tut. Da fängt man plötzlich an, die Wohnung aufzuräumen oder die E-Mail-Box, nur um sich mit halbwegs gutem Gewissen um etwas Unangenehmes zu drücken. In dem Moment fiel mir ein, dass der damalige Freund und jetzige Mann meiner Mutter, wenn sie ihn um einen Gefallen oder auch nur an den Esstisch bat, oft sagte „Ich muss grad noch die Welt retten, dann komm ich“. Das bezog sich bei ihm darauf, dass er immer am PC diese Spiele spielte, in denen ein Einzelgänger die Welt retten musste.

Wer ist eigentlich Ihre Band?

Ein über die Jahre zusammengewachsener Freundeskreis. Wir haben uns über Freunde kennengelernt. Hier hat keine Plattenfirma reingeredet „Du brauchst noch einen Synthie-Spieler. Wir haben den X für Dich.“ Wir haben uns ganz harmonisch zusammengefunden, darauf bin ich stolz.

Spielen Sie auch ein Instrument?

Bendzko: Gitarre und Klavier, aber nicht auf der Bühne. Nur, wenn ich komponiere.

Sie waren kürzlich das Vorprogramm von Elton John bei dessen Open Air Konzerten. Wie ist das für einen Musiker, der gerade seine erste CD veröffentlicht hat, vor einem Künstler aufzutreten, der Millionen von CDs verkauft hat?

Bendzko: Anstrengend. Wir wissen bis heute nicht, warum Elton John, der sonst kein Vorprogramm akzeptiert, uns haben wollte. Ich habe ihn ein einziges Mal ein paar Sekunden aus zehn Meter Entfernung gesehen. Wir mussten zwischen Einlass und Konzertbeginn spielen, das heißt, während die Gelände sich füllten, jeder einen Platz sucht und kaum jemand richtig zuhört.

Im November steht Ihre erste eigene Tournee auf dem Plan, die zur Zeit von kleineren Hallen auf Grund des großen Erfolges in mittelgroße Hallen umgebucht wird. War denn keine Zeit für ein Konzert in Nordhessen?

Bendzko: Im November nicht. Aber wir nehmen jetzt Termine für Auftritte im Februar und März 2012 an. Die Konzertveranstalter sollen sich melden. Es ist für mich das schönste, in einem Club oder einer Halle vor Leuten aufzutreten, die gekommen sind, um meine Musik zu hören. Etwas Geileres gibt es nicht, egal ob das 200 oder 2000 Menschen sind.

Welcher Song wird als nächste Single veröffentlicht?

Bendzko: Zum Bundesvision-Songkontest bei Stefan Raab treten wir mit „Wenn Worte meine Sprache wären“ an, zur Tournee im neuen Jahr erscheint dann „Ich laufe“.

Verfolgen Sie im Internet, was über Sie geschrieben wird?

Bendzko: Nicht mehr. Das habe ich ein paar Tage nach Veröffentlichung des Albums aufgegeben, weil ich mich sehr geärgert habe.

Die Kritiken waren doch fast ausnahmslos positiv.

Bendzko: Ich habe mich auch nicht über Kritiken geärgert, sondern über Kollegen, die so getan haben, als hätten sie mit mir gesprochen. Die haben sich ein bisschen was aus der Bio, aus anderen Interviews und von den Wortbeiträgen auf meiner Website zusammen geklaubt und auch wenn das durchaus nicht ehrenrürig war – so etwas macht man nicht. Mittlerweile bin ich auf vier verschiedene Geburtsdaten von mir im Internet gestoßen. Ich habe dann realisiert, dass es egal ist, ob ich mit denen spreche oder nicht. Die schreiben das, was sie glauben, schreiben zu müssen … aber ich muss es mir nicht durchlesen.

Einer der wenigen Vorwürfe, die Ihnen Leute machen, die offensichtlich mit Ihnen gesprochen haben müssen, ist: Sie seien arrogant.

Bendzko: Ich glaube, diesen Vorwurf muss sich in Deutschland jeder Sänger und jede Sängerin anhören, der/die selbstbewusst auftritt. Damit kann ich leben. Man muss selbstbewusst sein, wenn man an das glaubt, was man macht und es den Menschen auch glaubhaft rüberbringen will.

Hintergrund: Tim Bendzko - Zur Person

Tim Bendzko ist ein waschechter Berliner, geboren 1984. Das Geburtsdatum ist unbekannt. Im Interview sagte er, dass er 26 Jahre alt sei. Als Jugendlicher spielte er beim 1. FC Union Berlin Fußball und besuchte ein Sportgymnasium. Später studierte er Evangelische Theologie und Nichtchristliche Religionen. 2009 gewann er in Berlin einen Talentwettbewerb. Der erste Preis war ein Konzert auf der Waldbühne. Im Anschluss daran erhielt Bendzko ein Angebot für einen Plattenvertrag. 2010 nah e sich Zeit für die Aufnahmen zu seinem ersten Album „Wenn Worte meine Sprache wären“, das am 17. Juni veröffentlicht wurde und auf Anhieb auf Platz 4 in den deutschen Charts einstieg.

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