„Ich habe eine fantastische time.“

Immerzu in die Vollen: Wallis Bird im Kasseler Kulturzelt

Beseelt und aufgekratzt: Wallis Bird verausgabte sich im Kulturzelt. Foto: Malmus

Kassel. Mit nie versiegender Energie: Die irische Gitarristin und Sängerin Wallis Bird machte im Kasseler Kulturzelt Party.

Irgendwann beginnt man zu bangen, ob Wallis Bird ihr Kräfte zehrendes Konzert durchhalten wird. Was die 34-Jährige am Donnerstagabend im Kulturzelt betreibt, ist eine Art Hochleistungssport. Die Irin drischt so druckvoll auf die Gitarre ein, dass eine Saite reißt (was sie erstmal ignoriert), springt und tanzt und schreit sich die Seele aus dem Leib: Sie holt alles aus sich raus.

Andererseits ist von Anstrengung nichts zu spüren, Bird genießt ihren Auftritt sichtlich. Feiert mit dem Publikum, reicht zwei Bier runter, „Licher“, was bei ihr wie „liquor“ klingt, lässt ein Wasser durch die Reihen wandern zu einem durstigen Fan. Die Sängerin mit den wasserstoffblond gefärbten Strubbelhaaren hebt das Whiskyglas, prostet den 700 Besuchern in charmantem deutsch-englischem Mischmasch zu: „Auf alle euch.“

Bird ist zum dritten Mal im Kulturzelt und genießt es, als wolle sie jeden einzeln umarmen: „Ich habe eine fantastische time. This festival is so geil.“ Für ihre Fans will die in Berlin lebende Irin 1000 Lieder schreiben, sie allesamt mit nach Hause nehmen. Da spielt sie nackt am Fenster Klavier. Das erzählt sie zumindest - die Ansagen sind zwischendurch ziemlich anzüglich.

Dabei hat alles zurückhaltend begonnen, ja fast unsicher. Bird tritt allein auf die Bühne, legt a cappella los, mit ihrer Rockröhrenstimme, Klatschen, Fingerschnippen: Sie singt vom Wunsch, anzukommen, sich niederzulassen, eine Familie zu gründen. Wir können es ja mal versuchen: „We can try, we can try, we can try.“ Erst dann treten der vielseitige Aidan - unter anderem mit Gitarre und Klarinette - und die starke Emma Greenfield (Gesang, Trompete) auf die Bühne.

Solche stillen Momente hätte man sich im Verlauf der eineinhalb Stunden häufiger gewünscht. Meist geht es in die Vollen. Wobei der Abend seinen Reiz dadurch gewinnt, dass das Trio zu experimentieren und zu improvisieren scheint, wenn es etwa gemeinsam in nur ein Mikro singt. Auch Bird agiert spontan, kratzt mit der Bierflasche auf den Saiten („Weißt du was? Jazz!“), das Publikum soll immer wieder mitsingen, summen. Klatschen tut es sowieso.

Der Schluss ist wieder auf leise, ja intime Weise intensiv, als Bird „In dictum“ ohne Verstärkung singt. Der Dank für ihren überschwänglichen Einsatz ist heftiges Trampeln.

Kulturzelt Samstag, 19.30 Uhr: Johanna Borchert, Vincent Peirani, Emile Parisien, Omer Klein Trio. 

Sonntag, 17 Uhr: Deine Freunde.

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