Kunststudenten aus Kassel und München stellen gemeinsam im Kunstverein im Fridericianum aus

Jeder erschafft seine Wirklichkeit

Verblüffende Ähnlichkeit: Erik Schäfer (links) und Flaut M. Rauch. Fotos: Schachtschneider 

Kassel. „Parallele Wirklichkeiten“ heißt die am Dienstagabend im Kasseler Kunstverein eröffnete Ausstellung von Studierenden der Klasse Bjørn Melhus (Kunsthochschule Kassel) und Klaus vom Bruch (Akademie der Bildenden Künste München). Sie stellt Fragen nach unterschiedlichen Welten, der Verortung des Ichs, dem individuellen Blick auf die Welt.

Schon im Titel steckt die Kooperation der Klassen. Aiko Okamoto, eine in München studierende Japanerin, hatte sich beim Dokumentarfilm- und Videofest so sehr in Kassel und die Kunsthochschule „verguckt“, wie Prof. Bjørn Melhus berichtet, dass sie seither in seiner Klasse zu Gast ist. Parallelen und Unterschiede zwischen ihrer Heimat Japan und Deutschland, zwischen München und Kassel - das war der Ausgangspunkt für eine inhaltlich und medial vielfältige Annäherung an die Feststellung, dass - laut Pressetext - „mindestens genauso viele Vorstellungen von Wirklichkeit existieren wie Individuen“.

Im Oktober stellten die Studierenden in München aus, jetzt sind acht Installationen in Kassel zu sehen. Daniel Stubenvoll etwa hat sich mit einer Welt auseinandergesetzt, die ihm fremd geworden ist: der Leidenschaft seines Vaters für Trikes. Indem er Teile aus der väterlichen Firma verwendet hat, wuchs beider Interesse an der Lebenswelt des anderen. Irritierender Effekt: Was wie ein schnell gesprühtes, provozierendes Penis-Graffito aussieht, entpuppt sich als Fotografie eines Fahrzeugteils aus poliertem Edelstahl. Amüsant.

Für Erik Schäfer und Flaut M. Rauch ist es ihre Ähnlichkeit, die derzeit ihre Identität bestimmt: Die beiden werden in Kassel dauernd verwechselt. Ihre Arbeit „Reindex 0“ erforscht und umkreist Einzigartigkeit und Kopie, Austausch, Imitation und Reproduktion.

Wann Nähe unerträglich wird, damit experimentiert Franz Christoph Pfannkuch. Mit seinem Freund ließ er sich in einem Kleidungsstück einnähen - wie eine Zelle mit unterschiedlichen Zellkernen in einer Membran, wie Pfannkuch erläutert. Man sieht das im Video: Die beiden sind in der Umhüllung zur Umarmung geradezu gezwungen. Wann verschmilzt die jeweilige Wirklichkeit in eins? Schade, dass Christine Schäfers thematisch so gut passender, schöner Film über die 85 Jahre alten Kasseler Zwillinge Alf und Sven Fehnhann, der in München zu sehen war, nicht noch mal in Kassel gezeigt wird.

Wie konsequent man Wirklichkeit ausblenden kann, zeigt eine Videoarbeit von Ana Esteve Reig und Ben Brix: Ein Mädchen lauscht, nach innen gekehrt, einem Kopfhörer, in einer zerstörten Landschaft, in der Rauchschwaden wabern. Das passe doch sehr gut zur gegenwärtigen Krisensituation, kommentiert Bjørn Melhus.

Bis 4. 12., Mi - So. 11 - 18 Uhr, www.parallelewirklichkeiten.wordpress.com Es gibt einen gemeinsamen Katalog für die Münchner und Kasseler Arbeiten.

Von Mark-Christian von Busse

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.