Ein Jude malt Hitler den Schnauzbart: "Mein Kampf" am Deutschen Theater

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Weiß-schwarze Schminke: Florian Donath (Hitler, von links), Bardo Böhlefeld (Schlomo Herzl) und Lutz Gebhardt (Gott) vor dem Würfel, der gleichzeitig als Leinwand dient.

Göttingen. Am Deutschen Theater inszeniert Lucia Bihler „Mein Kampf".

Göttingen. Einen Hitler, der nichts kann, und der nichts weiß, hat Intendant Erich Sidler für die Inszenierung von George Taboris „Mein Kampf“ versprochen, in dem der Autor mit jüdischem Humor die Gründe für Hitlers Aufstieg erfunden hat. Genau diesen Hitler haben die Zuschauer bei der Premiere am Samstag am Deutschen Theater in Göttingen dann auch bekommen – aber leider nicht viel mehr.

Dabei stellt Regisseurin Lucia Bihler gerade nicht den scheiternden Maler Hitler (Florian Donath) in den Mittelpunkt der Farce von 1987, sondern vielmehr den Juden Schlomo Herzl (Bardo Böhlefeld). Der nimmt den jungen Mann aus der Provinz unter seine Fittiche, lehrt ihn sicheres Auftreten, verpasst ihm einen Seitenscheitel und malt ihm einen Schnauzbart. Und so bleibt Hitler nicht lange der unsicher und verwirrte, ja fast tapsig wirkende Mann, der an der Kunstschule in Wien abgelehnt wird. Das ist spannend, bietet Potenzial und bleibt der Tradition des Originals treu.

Doch dann kommt nichts mehr. Mit dem Auftritt des puppenhaften Gretchens (Felicitas Madl), das sich eine Beziehung zu dem älteren Schlomo wünscht, erlebt das Stück einen Bruch. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Lacher der Zuschauer kaum noch zu hören sind.

Der Wandel Hitlers vom unsicheren Mann zum Antisemiten und Schlomos Verstrickungen in dessen Kompetenzzuwachs werden nicht mehr nachvollziehbar.

Allein als Schlomo tröstend Ratschläge erteilt und sagt: „Vergiss Schlomo, einen Juden. Sprich nur von den Juden, und du wirst der König sein, der über eine Decke von Gebeinen schreitet“, ist zu erkennen, in welche Richtung sich Hitler entwickelt und der Jude unabsichtlich dabei hilft. Die schauspielerische Leistung ist überzeugend: Die Figuren agieren übertrieben, mit Witz und beinahe pantomimisch wirkenden Gesten auf einer Bühne, die von einem weißen Würfel dominiert wird. Besonders: Der Hitler, der mit ausgestreckten Armen und verzerrtem Gesicht von Frau Tod (Nicolas Fehr) angezogen, von Schlomo außer Reichweite geschubst wird, einmal um den Würfel rennt und plötzlich wieder vor dem Tod steht.

Kostüme und Maske (Josa Marx) sind überzeichnet und passen so hervorragend zur grotesken Handlung. Da ist der nicht gerade ernst zu nehmende Gott (Lutz Gebhardt), der auch im Ganzkörperschlafanzug, Tierpantoffeln und mit Bärentatzen auftritt. Da ist Hitler, der Schulterpolster und Pullis mit kleinen Hunden darauf trägt, die Wangen rot geschminkt, das Gesicht schneeweiß. Er erinnert an einen kleinen Jungen und nicht an einen Massenmörder und wird so gleichzeitig vermenschlicht. So gelingt es, die Zuschauer mit der Trivialität des Bösen zu konfrontieren.

Am Ende bleiben Leerstellen, die der Zuschauer mit ein bisschen Fantasie aber selbst füllen kann. Doch es sind vor allem Schauspieler, Kostüme und Maske, die begeistern. Die Zuschauern spendeten einen langen Applaus.

Wieder am 29.9., 10.10., Kartentelefon: 0551-4996911, www.dt.goettingen.de

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