Furioser Abschluss der Kasseler Musiktage mit Martina Filják und der Weimarer Staatskapelle

Jugend lässt die Muskeln spielen

Gefeierte Solistin: Martina Filják spielte zum Abschluss der Kasseler Musiktage zusammen mit der Weimarer Staatskapelle das erste Klavierkonzert von Johannes Brahms. Foto:  Schachtschneider

Kassel. Es sind nur vier Minuten, aber sie mögen sich länger anfühlen. So lange nämlich ist die Solistin nur Zuhörerin. Sitzt am Flügel und hört das Orchester ein dunkles, bizarres Thema spielen, hört klagende Melodien in Geigen und Bläsern vorbeiziehen. Erst dann setzt sie selbst mit einem wellenförmigen Thema ein, spielt sich hinein in den dichten symfonischen Satz, übernimmt vom Orchester die wilden Schläge und schweren Triller.

Martina Filják, der Solistin des d-Moll-Klavierkonzerts von Johannes Brahms, ist beim Abschlusskonzert der Kasseler Musiktage die Ungeduld anzumerken. Sie will loslegen - und sie legt los. Sie wirft sich ins sinfonische Geschehen mit markigem, metallischem Klavierton. Und dann, nach vielleicht sieben Minuten, spielt sie ihr Thema - einen akkordisch-melodiösen Klaviergesang, kraftvoll und fein zugleich.

Junge Kunst und große Meister lautet das Motto der Musiktage, und die 30-jährige Kroatin setzt mit ihrer Interpretation des monumentalen Brahms-Konzerts darunter ein dickes Ausrufezeichen. Immer vorwärtsdrängend und mit kraftvollem, ja donnerndem Spiel geht sie das Werk an. Auch im zweiten Satz, dem Adagio, kennzeichnet nicht abgeklärte Ruhe, sondern vibrierende Energie das Spiel dieser Ausnahmepianistin. Im Finale endlich gibt sie selbst mit dem kraftvoll aufstrebenden Thema das Tempo an, eine Virtuosin im besten Sinne, die sich auf die technischen Herausforderungen stürzt und sie (fast immer) bravourös bewältigt.

Und weil die Weimarer Staatskapelle und ihr schwedischer Dirigent Stefan Solyom ganz auf Filjáks Spiel eingehen, wird aus dem Konzert eine Interpretation aus einem Guss.

Wie nach der ebenso aufwühlenden Beethoven-Sonate einige Tage zuvor spielte Filják für das begeisterte Publikum als Zugabe das Intermezzo aus Schumanns „Faschingsschwank aus Wien“ - als Auffangbecken für überbordende Emotionen - und setzte dann noch ein pianistisches Glanzstück drauf - das Skrjabin-Prélude für die linke Hand op. 9.

Auch Stefan Solyom (32) gehört zu den jungen Stars, denen die Musiktage 2011 gewidmet waren. Eine ruhige, fast unauffällige Dirigentenpersönlichkeit, aber welche Energie! Bruckners vierte Sinfonie, die „Romantische“, dirigierte er (bis auf das Scherzo) ohne Taktstock, erzeugte aber mit sparsamer, konzentrierter Gestik eine ungeheure Dichte. Spannung, Entspannung, Übergänge - alles folgte mit zwingender Logik aufeinander. Tiefes Aufgewühltsein und friedliche Idylle entsprangen einem gemeinsamen Grundimpuls.

Dabei erwies sich die Staatskapelle als bemerkenswertes Orchester. Bläsersoli und allgemeine Intonation hört man anderswo (auch beim Staatsorchester) eleganter und stimmiger. Erstaunlich ist jedoch, zu welch geballter Kraftentfaltung und insistierender Konsequenz dieses Orchester in der Lage ist. Die 850 Zuhörer waren eine Stunde lang gebannt und spendeten heftigen Beifall.

Von Werner Fritsch

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