Kabarettist Max Uthoff: "Meine Wut ist größer geworden"

Gegen seine "Anstalt" im ZDF sieht selbst die viel gelobte "heute show" alt aus: Max Uthoff ist Deutschlands wichtigster Kabarettist. Nun kommt er nach Kassel. Wir sprachen mit dem Aufsteiger.

Max Uthoff ist einer der TV-Aufsteiger des Jahres. Mit seinem Kollegen Claus von Wagner hat der Kabarettist aus der biederen ZDF-„Anstalt“ ein „dramatisches Spektakel von hochpolitischer Brisanz“ gemacht, wie ein Kritiker schrieb. Seine TV-Popularität macht den Münchner auch auf den Kabarettbühnen zum Zugpferd. Vor vier Jahren trat Uthoff in Kassel noch vor 120 Zuschauern auf. Am Donnerstag gastiert er im Anthroposophischen Zentrum, das 600 Sitze hat. Wir sprachen mit dem 47-Jährigen.

Herr Uthoff, über was haben Sie sich am meisten gefreut dieses Jahr: über die guten Kritiken und Quoten oder die Klage des „Zeit“-Journalisten Josef Joffe, dem Sie enge Kontakte zu transatlantischen Lobbygruppen vorgeworfen haben, der vor Gericht aber gescheitert ist? 

Max Uthoff: Die Klage von Josef Joffe war kein erklärtes Ziel von uns. Wir haben sie erstaunt zur Kenntnis genommen und uns gefreut, dass das ZDF uns den Rücken gestärkt hat. Am Ende ist es ganz gut ausgegangen. Am meisten Freude bereitet hat mir jedoch der Spaß mit meinen Mitstreitern, der sich offensichtlich aufs Fernsehpublikum überträgt. Unsere Gastkabarettisten spielen nicht nur einfach Teile aus ihrem Programm. Als Ensemble machen wir fast ein kleines Theaterstück. Selbst wenn wir eine ganze Sendung zur Rente machen, bleiben die Leute bis zum Ende dabei.

Das einzige, das Sie nicht geschafft haben, ist, die Welt ein bisschen besser zu machen. Wollen Kabarettisten überhaupt die Welt verbessern? 

Uthoff: Eigentlich schon, aber ich mache mir keine großen Hoffnungen über die Wirkungsweise von Kabarett. Mich hat aber gefreut, dass wir in der „Anstalt“ Themen gebracht haben, die von der überregionalen Presse, nun ja, einseitig betrachtet werden.

Sie meinen die Ukraine-Krise. In diesem Zusammenhang haben Sie den Medien vorgeworfen, „mit dem Kopf im Arsch der Amerikaner“ zu stecken. Mit Verlaub, das klingt wie die Kritik der Pegida-Demonstranten an der angeblich gleichgeschalteten Mainstream-Presse. 

Uthoff: Das ist natürlich überspitzt formuliert. Uns wurde vorgeworfen, dass wir nicht fein differenzieren. Dieser Ansicht liegt ein völlig falsches Verständnis von Satire zugrunde. Es ist die Arbeit der Journalisten, fein zu differenzieren. Unser Job ist es, Missstände anzuprangern und sie satirisch zu überhöhen, manchmal bis zur Schmerzgrenze. Nun werfen uns Journalisten vor, dass wir nicht so arbeiten, wie sie es tun sollten. Die Differenzierung in der Ukraine-Krise fehlt etwa in der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Zeit“. Wir haben nie gesagt, dass Putin ein Engel wäre. Es geht darum, dass ein Bürgerkrieg angezettelt wird, der systematisch von Staatschef Poroschenko weitergeführt wird und an dem Nato und Amerikaner ganz bestimmte Interessen haben.

Was macht Ihnen mehr Angst: die Islamisten oder die Pegida-Demonstranten, die angeblich das Abendland vor dem Islam retten wollen? 

Uthoff: Jemand, der für 72 Jungfrauen bereit ist, sich selbst und seine Verwandtschaft in die Luft zu sprengen, macht mir deutlich mehr Angst. Erschreckend finde ich aber die falsche Einschätzung der Realität von beiden Seiten. Pegida ist auch eine Form von Angst. Es ist erstaunlich, dass man dies Menschen in einem Bundesland wie Sachsen einreden kann, in dem nur 4000 Muslime leben. Dass gegen die jede Woche 10 000 Leute demonstrieren, ist ein bizarres Missverhältnis. Es würde mich freuen, wenn die doppelte Anzahl für andere Sachen auf die Straße ginge.

Etwa gegen die Auswüchse des Kapitalismus und Arbeitslosigkeit, zwei Ihrer Hauptthemen im neuen Programm? 

Uthoff: Ja, in der zweiten Hälfte geht es verstärkt darum, wie mit Erwerbslosen in diesem Land umgegangen wird. Meine Wut ist größer geworden. Ich nehme mir die Freiheit, auch mal zehn Minuten nicht auf die Pointentrommel zu hauen. Als Kabarettist kann man sich auch nur dem Zynismus hingeben, bei mir ist aber oft eine gehörige Portion Wut dabei.

Zur Person

Geboren: am 24. September 1967 in München Ausbildung: Studium der Rechtswissenschaften Karriere: Erste Bühnenerfahrungen sammelte Uthoff im Münchner Rationaltheater, das sein Vater in den 60ern gegründet hatte. Als er in einer Münchner Baurechtskanzlei jobbte, merkte er, dass Anwalt doch nicht das Richtige ist und wurde Kabarettist. Das war 2007. Seither gab es zahlreiche Auszeichnungen. Seit Februar präsentiert er mit von Claus von Wagner im ZDF die Sendung „Die Anstalt“. Privates: Lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in München. Foto: Neumeister

Max Uthoff („Gegendarstellung"): Donnerstag, 20 Uhr, Anthroposophisches Zentrum Kassel, Wilhelmshöher Allee 261. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

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