Von Indierock bis Klassik

So klang 2014: Unsere Lieblingslieder

Unsere Mitarbeiter haben sich das Jahr 2014 noch einmal angehört. Hier stellen sie ihre musikalischen Höhepunkte des Jahres vor - von Indierock bis Klassik.

Auch wenn in den Charts 2014 fast immer Helene Fischer ganz oben stand – es gab noch viel mehr Musik, die uns in den vergangenen zwölf Monaten atemlos gemacht hat. Hier stellen wir unsere Lieblinge vor – zum Verschenken und Selberhören. Die Tipps haben wir in drei Kategorien eingeteilt:

1 Unser Album des Jahres: Diese Aufnahme würden wir am liebsten gar nicht mehr aus dem CD-Player nehmen.

2 Unser besonderer Musiktipp: Avantgardistisches, Soundtrack oder eine Neuentdeckung – hier stellen wir Musik vor, die ungewöhnlich ist.

3 Unser Lied des Jahres: Manche Musiker sagen, das Album als Kunstform sei im Streaming-Zeitalter tot. Deshalb wählen wir auch das Lied des Jahres.

Zudem haben wir beim Streamingdienst Spotify eine Playlist mit unseren Lieblingsliedern zusammengestellt. Viel Spaß beim Hören.

 

 

Werner Fritsch

1 Richard Strauss: „Don Quixote“ op. 35, Sonate F-Dur op. 6. Maximilian Hornung (Violoncello), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Bernard Haitink. Sony Classical.

Werner Fritsch (58), Kulturredaktion

Die Platte des Jahres kann es angesichts der Vielfalt von Neuerscheinungen kaum geben. Eine Platte des Jahres ist für mich die Richard-Strauss-CD des Cellisten Maximilian Hornung zum 150. Geburtstag des Komponisten. Strauss’ Tondichtung „Don Quixote“ ist nicht nur ein wunderbares, sehr originelles Werk. Phänomenal ist auch die Ausdruckskraft, mit der der 27-jährige Hornung den Ritter von der traurigen Gestalt musikalisch charakterisiert.

2 Sarasate: Transcriptions. Tianwa Yang (Violine), Markus Hadulla (Klavier). Naxos.

Das Album mit den Bearbeitungen fremder Werke für Violine und Klavier durch den Spanier Pablo de Sarasate (1844-1908) ist der Abschluss einer acht CDs umfassenden Sarasate-Gesamteinspielung, für die Tianwa Yang (27), Geigenstar mit Wohnsitz Kassel, den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik bekommen hat. Lohnend sind alle Alben - auf dem letzten ist die Bearbeitung der Händel-Arie „Ombra mai fu“ für Violine und Klavier ein Hit.

3 Khatia Buniatishvili (Klavier): Motherland. Sony Classics.

Ein Vokalstück, auf dem Klavier gesungen: Die Georgierin Khatia Buniatishvili (27) eröffnet ihr sehr persönliches Album „Motherland“ mit der Bach-Arie „Schafe können sicher weiden“. Gefühlstief - wie die ganze CD.

 

Frank Ziemke

1 Angus & Julia Stone: Angus & Julia Stone (Universal Music).

Frank Ziemke (51), Sportredaktion

Die australischen Geschwister haben nach Trennung und Soloprojekten wieder zusammengefunden und ihr drittes Album veröffentlicht. Das ist gut so, denn es ist ihr bisher bestes. Kristallklar produziert von Rick Rubin, bieten die Stones mit ihren tollen Stimmen wunderschönen Folkpop, am besten zu hören in der großartigen Single „Grizzly Bear“. Da kommt auch im Winter entspannte Stimmung auf.

2 Wilco: Alpha Mike Foxtrott - Rare Tracks (Nonesuch Records).

Die amerikanische Indie-Band feiert ihr 20-jähriges Bestehens mit einer üppigen Box. Auf vier CDs gibt es unveröffentliche Live-Aufnahmen, Demos, Coverversionen und und und. Sie zeigen beispielhaft die Band zwischen Rock, Country, Folk und Americana. Nicht nur für Fans. Auch zum Kennenlernen. Wem das zu viel ist, der greift auf das Best-of-Album „What’s your 20“ zurück.

3 Element of Crime: Lieblingsfarben und Tiere (Vertigo).

In Zeiten der Dauerfacebookwhatsapponlinisierung rufen die deutschen Chef-Romantiker zur Rückbesinnung auf. Also: Zurücklehnen und diesem schönen Lied zuhören.

 

Bettina Fraschke

1 Malia und Boris Blank: Convergence (Universal).

Bettina Fraschke (46), Kulturredaktion

In der Kasseler Staatstheater-Komödie „Floh im Ohr“ erklingt da, wo die Sinnlichkeit auf den Höhepunkt getrieben wird, das laszive „Smouldering Ashes“ aus dem tollen Album „Convergence“ von Malia und Boris Blank. Der Elektrotüftler des legendären Schweizer Duos Yello und die Soulsängerin mit malawisch-britischen Wurzeln verbinden ihre Musikstile zu einem fein gewebten, aufregenden elektrosouligen Klanggespinst, das in jedem Takt Überraschungen bereithält. Melancholisch. Beschwörend.

2 Quadriga Consort: 14 Tales of Mystery (Sony).

Das österreichische Ensemble Quadriga Consort um den Cembalisten Nikolaus Newerkla hat sich auf frühe Kammermusik spezialisiert. Virtuos und ohne verkitschte Folkloresülze erarbeitet es auch auf dem neuen Album Musik der britischen Inseln und erweckt vielfarbige schottische, irische und englische Klangwelten.

3 Pink Floyd: Louder Than Words (Warner).

Für mich ein absolut herzöffnender Song. Wunderbarer Pink-Floyd-Sound, ein elegantes Musikerlebnis. David Gilmour singen zu hören, beglückt.

 

Ulrich Riedler

1 Element of Crime: Lieblingsfarben und Tiere (Universal).

Ulrich Riedler (54), Nachrichtenredaktion

Auf dem Cover wirken sie wie hingestellt und nicht abgeholt. Doch musikalisch zeigen sich Element of Crime so inspiriert, charmant und hintersinnig wie lang nicht mehr. Sven Regener kann in puncto poetischer und skurriler Alltagstexte ohnehin niemand das Wasser reichen.

2 Lennie Tristano: Chicago April 1951 (Uptown).

Sensationelle Erstveröffentlichung von Live-Aufnahmen des Hohepriesters der linearen Improvisation, von dem viel zu wenig auf CD erhältlich ist. Bei diesen Sextett-Einspielungen sind Gefährten wie Lee Konitz und Warne Marsh dabei. Die Klangqualität ist im Unterschied zu den meisten Tristano-Mitschnitten sehr gut.

3 Kinks: Sunny Afternoon (Sony).

Einer meiner unzähligen Lieblingssongs von meiner einzig wahren Lieblingsband. Mir geht es hier allerdings weniger um den wunderbaren Titel, sondern um eine wärmstens zu empfehlende neue CD-Box mit herrlicher alter Kinks-Musik: „The Anthology 1964-71“. Diese liebevoll aufgemachte Werkschau der frühen Jahre punktet auch mit gutem Remastering.

 

Georg Pepl

1 Tianwa Yang: Eugène Ysaÿe, Sonaten für Violine solo op. 27 (Naxos).

Georg Pepl (44), Mitarbeiter Kulturredaktion

Mit einer glühenden Expressivität spielt Tianwa Yang die sechs Geigensonaten von Eugène Ysaÿe. Das wirkt mal energisch wie Starkstrom, mal meditativ wie ein Gebet. Die in Kassel lebende Topvirtuosin bietet eine phänomenale Technik und eine starke künstlerische Aussage.

2 Patricia Kopatchinskaja: Kammermusik von Galina Ustvolskaya (ECM).

Kompromisslos und sperrig ist die Klangwelt der russischen Komponistin Galina Ustvolskaya (1919-2006). Ihr Lehrer Dmitri Schostakowitsch meinte, ihr Werk werde weltweite Anerkennung finden bei allen, die der Wahrhaftigkeit in der Musik entscheidende Bedeutung beimessen. Patricia Kopatchinskaja (Violine), Markus Hinterhäuser (Klavier) und Reto Bieri (Klarinette) machen diese Radikalität hörbar.

3 Fink: Pilgrim (R’COUP’D).

Über pulsierenden Gitarrenakkorden lässt der englische Songwriter Fink seine dunkle Stimme schweben. So entsteht ein Spannungsbogen von sieben Minuten. Pop als Pilgerreise mit Tiefgang. Und eine Erinnerung an Finks Kasseler Kulturzelt-Konzert im August.

 

Matthias Lohr

1 Ja, Panik: Libertatia (Staatsakt).

Matthias Lohr (40), Kulturredaktion

Auf ihrem vierten Album träumen die aus dem Burgenland stammenden Wahl-Berliner von einer besseren Gesellschaft. Sänger Andreas Spechtl reimt „Depp“ auf „Death“ und bittet die Europäische Zentralbank in seiner irren Kunstsprache aus Deutsch, Englisch und Wiener Schmäh zum Tanz („Swing die Staatsfinanzen“). Ein funkiges Indiepop-Album, das ebenso klug wie lässig ist.

2 DJ Koze: Reincarnations Part 2 (Pampa Records).

Zwischen zwei Tracks wird der Hamburger DJ Koze von einem fiktiven Interviewer gefragt, wer der beste Remixer aller Zeiten sei. Seine Antwort: „Ich glaube, das bin ich.“ Das ist natürlich nur ein Scherz, aber auch nicht ganz falsch. Stefan Kozalla, wie der Techno-Meister richtig heißt, macht aus tollen Tracks wie „Bad Kingdom“ von Moderat noch tollere.

3 Hundreds: Our Past (Sinnbus).

Gäbe es bei Spotify einen Zähler, der anzeigt, wie oft man einen Song abgespielt hat, stünde bei mir hinter „Our Past“ mindestens eine fünfstellige Nummer. Der Track der Geschwister Eva und Philipp Milner handelt davon, was von uns in tausend Jahren bleibt. Ein Lied für die Ewigkeit und der beste deutsche Synthiepopsong seit „Forever Young“ von Alphaville.

 

Daniel Göbel

1 OK Kid: Grundlos EP (Four Music).

Daniel Göbel (27), Nachrichtenredaktion

Die drei Jungs aus Gießen von OK Kid lieferten nach ihrem grandiosen Debütalbum ein noch grandioseres Mini-Album. Sie pfeifen auf Genre- und Szenedogmen und präsentierten mit der „Grundlos EP“ ein Album voller Qualität, Ästhetik und Tiefe. Vielleicht das Beste, was deutsche Popmusik momentan zu bieten hat.

2 Atmosphere: Southsiders (Rhymesayers). 

Éin super Album, nicht nur für eingefleischte HipHop-Fans. Rapper Slug rückt Gefühle in den Vordergrund und malt lyrische Bilder zu warmen und donnernden Boom-Bap-Beats, wie man sie vom New-York-Rap der 1990er-Jahre kennt. Ein wahres Glanzstück in der Diskografie des Duos aus Minneapolis.

3 Jan Delay: Sie kann nicht tanzen (Universal).

Zum ersten Mal gab es für ein Jan-Delay-Album nicht nur positive Stimmen. Für viele Kritiker war das Rock-Album „Hammer und Michel“ des Hamburger Rappers nicht ausgefeilt genug. Warum eigentlich? Auf dem Album finden sich allerlei Perlen. Besonders „Sie kann nicht tanzen“ animiert jeden noch so müden Anti-Tänzer dazu, mit dem Hintern zu wackeln. Perfekt, um gut gelaunt durch die dunklen Wintermonate zu kommen.

 

Willie Ditzel

1 War On Drugs: Lost In The Dream (Cargo).

Willie Ditzel (60), Online-Redaktion

Ein Album für die Zeit zwischen Abenddämmerung und Sonnenaufgang und für jede Stimmung und Situation dazwischen. Ein Album, dessen Songs mit jedem Hören wachsen. Ein Album, das die Rockmusik weiter voranbringen wird. Ein Album des Jahrzehnts.

(Außerdem: Ty Segall „Manipulator).

2 St. Vincent: St. Vincent (Universal).

Taylor Swifts „1989“ ist das Pop-Album des Jahres. Aber in einer besseren Welt wäre St.Vincent das Maß aller Dinge. Wehmütige Popmusik, zu der man lächelnd in die Zukunft schaut und Tränen über die Vergangenheit vergießt. Eines der vielseitigsten Alben seit Jahren. Futuristisch wie einst Bowie, melancholisch wie Lana del Rey und tanzbar wie Rihanna.

(Außerdem: Caribou „Our Love)

3 Childbirth: I Only Fucked You As A Joke (Help Yourself).

25 Jahre nach Nirvana aus Seattle: Kein Studiogetüftel, keine Samples. Childbirth bringen den längst vergessen geglaubten, knapp dreiminütigen Aus-dem-Bauch-Rocksong zurück. Mit einer klaren Botschaft und viel Humor. So muss es sein. (Außerdem: Sleaford Mods „Tied Up In Nozz“, Future Islands „Season“, Angel Olsen: „Unfuck The World“, Sharon van Etten „Everytime“, Swans „Screen Shot“)

 

Mark-Christian von Busse

1 L’Arpeggiata, Christina Pluhar: Music for a While. Improvisations on Purcell (Erato)

Mark-Christian von Busse (46), Kulturredaktion

Faszinierend, wie Theorben-Virtuosin Christina Pluhar die zeitlos-traumschönen Purcell-Melodien behutsam ins Heute überführt. Mit dem Barock-Ensemble improvisieren zwei Jazzer: Klarinettist Gianluigi Trovesi und Gitarrist Wolfgang Muthspiel. Phänomenal ist natürlich auch der tolle Countertenor Philippe Jaroussky. Macht süchtig.

2 Cecilia Bartoli, I Barocchisti, Diego Fasolis: St. Petersburg (DGG)

Die energiegeladene, umtriebige Mezzosopranistin ist mal wieder in Archive gestiegen und bringt Arien des russischen Zarenhofs aus dem 18. Jahrhundert zum Strahlen, Werke vom italienischen Hofkapellmeister Francesco Araia, der 1755 die erste Oper mit russischem Libretto komponierte, und seiner Nachfolger Raupach, Manfredini, Galuppi und Cimarosa. Eine echte Entdeckung.

3 Spaceman Spiff: Mind The Gap (Grand Hotel van Cleef)

Spaceman Spiff - dahinter verbirgt sich der in Hamburg lebende Franke Hannes Wittmer (28). Er macht, hier im Trio, melancholische, intelligente Indierock-Songs. Irgendwie lief diese zauberhafte Platte „Endlich nichts“ in meinem CD-Player immer und immer wieder, wie von selbst, „Ausstieg in Fahrtrichtung links ...“

Rubriklistenbild: © jogyx - Fotolia

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