Reden, reden bis die Axt kommt

Komödie „Der Kirschgarten“: Wie Kommunikation scheitert

Kassel. Anton Tschechows 1904 uraufgeführte Komödie „Der Kirschgarten“ hat Konjunktur. An vielen Theatern wird derzeit die Axt an die symbolträchtigen Bäume gelegt, die fallen müssen, weil eine Sippe feudaler Müßiggänger und Verschwender den Zeitenwandel verschlafen hat.

Nun ist es so weit: Das Gut der Ranewskaja samt Kirschgarten wird versteigert, der Emporkömmling Lopachin erwirbt das Anwesen, der Kirschgarten muss Sommerhäuschen für Touristen weichen. Die Geschichte scheint gut in unsere Zeit der Globalisierung und Euro-Dauerkrise zu passen, wo viele spüren, dass eine Zeit anbricht, in der die eigene Gartenidylle in Gefahr geraten könnte. Patrick Schlösser verzichtet in seiner behutsam aktualisierten Neuinszenierung am Kasseler Staatstheater jedoch auf die konkrete gesellschaftspolitische Zuspitzung. Und er vermeidet erst recht den wehmütigen Blick zurück auf alte Zeiten.

Stattdessen erleben die Zuschauer ein Kommunikationsdesaster in vier Akten. Es beginnt mit der Ankunft der Ranewskaja aus Paris. Alle versammeln sich im pinkfarbenen Kinderzimmer (Bühne: Daniel Roskamp), um das Wiedersehen zu feiern, und es grenzt an sprachlichen Slapstick, wie sich die Mitglieder dieser Gesellschaft in ihren atemlosen Monologen haarscharf verfehlen.

Wäre das Stück eine Sinfonie, dann käme jetzt das Adagio, und tatsächlich wird im zweiten Akt, einem Grill-Nachmittag im Garten vor idyllischer Blumenfassade, die Zeit gedehnt, man neigt zu ausufernden Bekenntnissen. Das spannendste legt die Ranewskaja ab. Gast-Darstellerin Irene Christ zeichnet sie als handfeste Figur von großer Gefühlstiefe, deren - durchaus vorhandener - Realitätssinn aber stets im entscheidenden Moment versagt - wie ein Computerabsturz bei Eingabe des falschen Begriffs. Dieser, die drohende Versteigerung des Gutes, wird von Lopachin stereotyp eingeworfen. Thomas Sprekelsen spielt ihn als einen vom eigenen Aufstieg Verwirrten, der am Ende oben auf einer Leiter steht - und nun nicht weiterweiß. Es ist der Akt der Enthüllungen: Elisabeth Hütter offenbart die weiche Seite ihrer taffen Girlie-Anja gegenüber dem Studenten Trofimow, dem Alexander Weise eine undurchsichtige Aura verleiht.

Hysterie bricht sich im dritten Akt Bahn. Die erst als Cowboys, dann als Krankenpfleger kostümierten Festgäste (Kostüme: Uta Meenem und Katja Wetzel) ticken endgültig aus. Schreien und Schluchzen löschen die Kommunikation aus. Endgültig? Das Finale setzt noch einen drauf. Minutenlang stehen sich Lopachin und die junge Warja (Eva Maria Sommersberg) gegenüber - aber der lange erwartete Antrag bleibt aus. Die letzte Chance dieser Gesellschaft, aus der Belanglosigkeit herauszutreten - vertan.

Ganz am Ende werden alle Darsteller zu Satyrn und beäugen den zurückgebliebenen alten Diener Firs (Horst Lateika), während die Axt ihr Werk verrichtet. Eine Satire also? Bitter macht lustig! Viel Beifall für das starke Ensemble, aber auch einzelne Buhs für die Regie.

Wieder am 5., 20., 23.10., Karten: Tel. 0561/1094-222.

Die Darsteller

Ranewskaja: Irene Christ, Anja: Elisabeth Hütter, Warja: Eva Maria Sommersberg, Gajew: Dieter Bach, Lopachin: Thomas Sprekelsen, Trofimow: Alexander Weise, Pischtschik: Matthias Fuchs, Charlotta: Caroline Dietrich, Epichodow: Thomas Meczele, Dunjascha: Sabrina Ceesay, Jascha: Christoph Förster, Firs: Horst Lateika.

Von Werner Fritsch

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